Fünf Tage am Rand des Abgrunds
In Beirut sind die Kriegsruinen und zerschossenen Hausfassaden nach dem Ende des Bürgerkriegs 1990 stehen geblieben. Daneben schiessen protzige Neubauten in die Höhe, als ob nichts gewesen wäre. Gerade ist eine 18 Monate dauernde Staatskrise beendet worden. Der jüngste Kriegslärm hallt noch nach. Die alten Konflikte in der einstigen «Schweiz des Nahen Ostens» schwelen indes weiter.
Von Suanne Schanda
Der 4. Mai in Beirut ist ein friedlicher Sonntagnachmittag, beinahe idyllisch. Zahlreiche Grossfamilien sitzen im Raouda-Café am Mittelmeer. Die Väter spielen mit ihren Kindern am Wasser, die Frauen plaudern und ziehen an ihren Wasserpfeifen. Eine von ihnen ist die Schriftstellerin Alawiyya Sobh.
Sie erzählt, dass ihr erster Roman «Maryam» gerade auf Deutsch übersetzt werde und nächstes Jahr im Suhrkamp-Verlag erscheinen soll. In mehreren arabischen Ländern sei der Roman verboten worden, weil er an die Tabuthemen Sex, Religion und Politik rühre. Sie stammt aus einer schiitischen Familie Südlibanons und ist im christlich geprägten Ostbeirut aufgewachsen. «Doch als ich dort in den Sechzigerjahren zur Schule ging, wusste ich nicht einmal, wer Christ und wer Muslim war. Das war damals überhaupt kein Thema.» Der Bürgerkrieg hat auch sie gelähmt und wirkt in ihren Romanen nach: «Meine Bücher zeigen, wie der Krieg die Menschen verändert», sagt Alawiyya Sobh, die sich ihren Lebensunterhalt als Chefredaktorin des arabischen Frauenmagazins «Snob» verdient.
«Gottesstaat ist undenkbar»
Alawiyya Sobh ist dezidiert antireligiös und liebt das Leben im Hamra-Viertel, wo Sunniten, Schiiten, Drusen und Christen nebeneinander leben, wo viele Menschen neben Arabisch auch Englisch oder Französisch sprechen. Obwohl die Hisbollah eine grosse Macht im Staat hat, glaubt Alawiyya Sobh nicht, dass aus dem Libanon jemals eine Theokratie nach iranischem Muster wird: «In diesem Land leben achtzehn verschiedene Religionsgemeinschaften, ein Gottesstaat ist undenkbar.» Eigentlich ist man geneigt, ihr recht zu geben Die frankofone Stadt Beirut, die einmal das Paris des Nahen Ostens, oder – wegen des boomenden Bankensektors – die Schweiz des Nahen Ostens genannt wurde, liebt das Leben. Theater- und Musikfestivals werden durchgeführt, Autoren lesen und debattieren über ihre Bücher, Gott und die Welt.
Ein Land in «Geiselhaft»
Am Dienstagmorgen beim Zeitunglesen wird mir klar, dass sich der Ton im verbalen Kampf der politischen Gegner des Landes verschärft. Der Drusenführer Walid Jumblat, der zusammen mit der Zukunftsbewegung des Sunniten Saad Hariri die vom Westen unterstützte Regierungsmehrheit bildet, beschuldigt die Hisbollah, mit geheimen Kameras den Flughafen zu überwachen. Gefordert wird der Rücktritt des Sicherheitschefs des Flughafens, der angeblich der Hisbollah nahestehe.
Wer die Verhältnisse in Libanon und die Rolle der Hisbollah kennt, weiss, dass die Anschuldigungen nicht aus der Luft gegriffen sind. Es braut sich etwas zusammen. Für Mittwoch haben die Gewerkschaften zu einem Generalstreik aufgerufen. Sie wollen für bessere Arbeitsbedingungen demonstrieren. Das klingt harmlos. Aber wir sind in Libanon.
Als es bereits am Morgen zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt, sagen die Gewerkschaften die Demonstration ab. Die Hisbollah hat das Zepter übernommen. Bereits wurden von der Schiiten-Miliz mehrere Strassen gesperrt, auch diejenige zum internationalen Flughafen. Der Flugbetrieb ist eingestellt. Am Abend hat die Schriftstellerin Iman Humaydan ein paar Freunde zum Essen eingeladen: Schriftsteller, Künstler, Journalisten. Auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung in Aschrafiye im christlichen Ostbeirut ist es auffallend ruhig. Immer wieder klingelt Imans Handy.
Es sind Freunde, die sich entschuldigen, sie könnten nicht kommen, weil die Strassen gesperrt seien, andere sagen, sie trauten sich nicht mehr aus dem Haus. «Die Hisbollah nimmt das ganze Land in Geiselhaft», sagt der Schriftsteller und Journalist Abbas Beydoun resigniert. Er hat schon vieles durchgemacht. 1982 war er für einige Wochen in israelischer Gefangenschaft, jetzt kritisiert er seit Jahren die Hisbollah – in einer Zeitung, die der Hisbollah nahesteht.
«Wir Libanesen sind Polit-Tiere»
Am folgenden Morgen besuche ich ihn auf der Redaktion von «As-Safir». Abbas Beydoun ist nervös, wird immer wieder ans Telefon gerufen. Für Nachmittag ist eine Fernsehansprache des Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah angesagt; das lässt nichts Gutes ahnen, doch er nimmt sich Zeit. «Das ist eine Kraftprobe, jetzt spricht die Hisbollah Klartext», sagt der Journalist. Die Hisbollah wolle nicht die Macht im Staat übernehmen, faktisch habe sie diese ohnehin.
«Die Legitimität der Hisbollah ist der Widerstand gegen Israel», sagt Beydoun, «dennoch ist sie stolz darauf, dass ihr eigener ,Staat‘, die Hisbollah-Maschine, viel schneller, mächtiger und moderner funktioniert als der offizielle libanesische Staat». Doch strebe die Schiiten-Partei durchaus nach mehr Macht und Spielraum im Staat. Mit der Sperrung des Flughafens und zahlreicher Strassen habe sie gezeigt, dass sie die Regierung am Regieren hindern kann.
Trotz allen Turbulenzen, auch wenn sein Land wieder einmal am Abgrund steht, hört der Dichter und Romancier nie auf, Literatur zu lesen und zu schreiben. Seine literarischen Texte halten sich vom politischen Tagesgeschehen fern, er mache keine Propaganda-Literatur. Dennoch fliesse die Politik als Teil des Lebens auch in seine Gedichte und Romane ein, das sei unvermeidlich, sagt Beydoun: «Wir Libanesen sind Polit-Tiere.»
«Ein romantisches Projekt»
Ganz in der Nähe, ebenfalls in Westbeirut, befindet sich die Redaktion von «Al-Akhbar». Die Zeitung ist erst zwei Jahre alt und bekennt sich offen zur Hisbollah. Der Kulturchef Pierre Abi Saab präsentiert mir sein junges Team, mehr als die Hälfte sind Frauen. Es herrscht eine aussergewöhnliche Hektik. «Wir werden wohl die Redaktion aus Sicherheitsgründen evakuieren müssen», erklärt der Journalist. Die Rede von Hassan Nasrallah wird auch hier mit Spannung erwartet.
Abi Saab ist Mitte 40 und eine schillernde Figur. Äusserlich könnte er als europäischer Intellektueller durchgehen. Er spricht perfekt Französisch und gut Englisch, besitzt neben dem libanesischen einen französischen Pass und hat in Paris eine Wohnung und eine Freundin. Er ist ein demokratischer und pazifistischer Atheist und zugleich ein Freund der Hisbollah, der Partei Gottes. Wie geht das zusammen? «Ich misstraue der politischen Klasse, aber die Hisbollah ist eine Widerstandsbewegung gegen Israel und für die Armen in Libanon. Die Hisbollah hat kein politisches Ziel, sie ist vielmehr ein romantisches Projekt», sagt er und kommt ins Schwärmen. Der sunnitische Mehrheitsführer und Millionär Saad Hariri dagegen sei eine saudische Marionette, der glaube, die Einigung Libanons liesse sich auf finanziellem Weg erzielen.
«Respektabler Partner»
Pierre Abi Saab ist ein Linker und würde in der kommunistischen Partei politisieren, wenn diese nicht so schwach wäre. Die einzige Alternative zum korrupten Polit-Establishment sieht er in der Hisbollah. 18 Jahre lang hat er für die von Saudi-Arabien finanzierte Zeitung «Al-Hayat» gearbeitet. Zusammen mit ihm seien vor zwei Jahren zahlreiche andere Journalisten von «Al-Hayat» und «As-Safir» zur neu gegründeten «Al-Akhbar» mitgekommen.
«Wir machen eine unabhängige Zeitung, die Widersprüche zulässt. Wir schreiben über modernste Strömungen in der Musik, im Theater, im Film und in der Literatur», sagt Saab und verweist stolz darauf, dass Libanon das einzige arabische Land sei, in dem jedes Jahr ein Gedenktag gegen die Homophobie begangen werde: «Wir schwimmen gegen den Strom.» Viele Intellektuelle würden die Hisbollah diabolisieren, beklagt er. Dies sei falsch, denn die Bewegung entwickle sich. Durch das Bündnis mit den Christen von Ex-General Michel Aoun könnte die Hisbollah den Beginn eines grossen Projektes bilden, vielleicht eine Garantie für Stabilität im Land geben.
«Die Hisbollah ist für mich ein äusserst respektabler Partner», schliesst Pierre Abi Saab sein engagiertes Bekenntnis ab. Bevor ich mich verabschiede, gibt er mir einen freundschaftlichen Rat: «Wenn Sie tatsächlich am Samstag in die Schweiz zurückreisen wollen, sollten Sie noch heute ihre Ausreise über Syrien organisieren, der Flughafen wird sicher längere Zeit geschlossen bleiben.» Es ist Donnerstagmittag, noch scheint es ruhig zu sein, noch habe ich den Ernst der Lage nicht erfasst. Das soll sich schnell ändern.
Nur noch raus hier
Wenige Stunden später wettert Hassan Nasrallah in seiner Fernsehansprache gegen die Regierung. Deren Anschuldigungen und Forderungen an die Hisbollah sei eine Kriegserklärung, die man nicht dulden werde. Kurz darauf stürmen schwer bewaffnete Hisbollah-Milizen ins Hamra-Viertel, vertreiben alles, was sich bewegt, und schiessen gegen Gebäude, Autos und die gegnerischen Milizen. Die ganze Nacht über hört der Kriegslärm nicht auf, ein Kugelhagel folgt dem anderen, dazwischen Detonationen von Granaten. Als sich auch noch ein Gewitter entlädt und den Himmel mit Blitzen hell erleuchtet, kommt Weltuntergangsstimmung auf.
Nach einer zweistündigen Feuerpause geht das Schiessen um sechs Uhr früh weiter. Ich will nur noch raus hier.Um acht Uhr finde ich ein Taxi, das mich nach Ostbeirut bringt, noch immer wird geschossen. In Aschrafiye, wo die Schüsse nur von fern zu hören sind, tigert Iman Humaydan durch ihre Wohnung, hört angespannt die Nachrichten am Radio und entwickelt am Telefon mit Freunden Theorien über die Frage, warum die Armee nicht ins Geschehen eingreife und wer mit wem paktiere.
Wie viele ihrer Schriftstellerkollegen ist auch die 52-Jährige vom Bürgerkrieg traumatisiert. Ihr Roman «B wie Bleiben wie Beirut», der letztes Jahr auf Deutsch erschienen ist, zeichnet im Mikrokosmos eines Hauses die Spuren nach, die der Krieg in den Menschen hinterlassen hat.
Das Haus steht dabei als Bild für die prekär gewordene Heimat. «Der Krieg ist gar nie zu Ende gegangen, er hat nur Pause gemacht», sagt die Autorin. Sie verzweifelt schier, als sie hört, dass die Kämpfe nun auch in den Dörfern der Schuf-Berge wüten, wo ihre drusische Familie wohnt und sie selbst an sozialen Projekten mit der Dorfbevölkerung beteiligt ist. Die studierte Soziologin hat ihre Dissertation zu den Verschwundenen des Bürgerkriegs geschrieben und wird zusammen mit dem Kulturzentrum UMAM (siehe Text unten) und weiteren Schriftstellern einen Workshop zum Thema leiten. Sie findet es verheerend, dass im Libanon die Geschichte des Bürgerkriegs nie aufgearbeitet wurde. «Denn daraus entsteht immer neue Gewalt», sagt Iman Humaydan.
«Haben Sie keine Angst»
In der Nacht hat die Hisbollah den zum Hariri-Imperium gehörenden Fernsehsender «Al-Mustaqbal» (Die Zukunft) und die gleichnamige Zeitung beschossen und vorübergehend zum Schweigen gebracht. Zwei ganze Stockwerke des Redaktionsgebäudes sind dem Anschlag zum Opfer gefallen. Das Büro des Schriftstellers und Journalisten Hassan Dawud ist von einer Granate getroffen worden und völlig ausgebrannt. Angst steigt in ihm auf und die Erinnerung an den Albtraum des Bürgerkriegs, der 15 lange Jahre dauerte und bis heute Verletzungen im Stadtbild und in den Seelen der Menschen hinterlassen hat. Da Hassan Dawud auch in Westbeirut wohnt, flieht er mit seiner Familie in die Berge. Als sich die Kämpfe dort ausbreiten, wieder zurück nach Beirut, vorerst in den Ostteil der Stadt.
«Haben Sie keine Angst», versucht er mich am Telefon zu beruhigen. Am nächsten Morgen verlasse ich Beirut mit einem Sammeltaxi und überquere die Nordgrenze zu Syrien. Inzwischen ist auch die direkte Verbindung nach Damaskus über die Ostgrenze gesperrt. Es ist Samstag, der 10. Mai.
Ein heilsamer Schock?
Elf Tage später wird die Zeltstadt, mit der die schiitische Hisbollah-Miliz anderthalb Jahre lang die Beiruter Innenstadt blockierte, abgebaut. Libanesinnen und Libanesen, denen der Schrecken über die bürgerkriegsähnliche Gewalt noch in den Knochen sitzt, strömen auf die Strassen und Plätze und nehmen ihre Stadt wieder in Besitz. «Als ob plötzlich der Friede gekommen wäre», sinniert Hassan Dawud. Er freut sich: «Die Stadt gehört wieder den Menschen und nicht mehr dem Militär.» Fast scheint es, als wirkten die bewaffneten Auseinandersetzungen, die Libanon beinahe in einen weiteren Bürgerkrieg gestürzt hätten, wie ein heilsamer Schock auf die 18 Monate dauernde Staatskrise, die das politische und gesellschaftliche Leben stark einschränkte. Von einem «historischen Abkommen» spricht der libanesische «Daily Star» am Tag nach der Einigung der gegnerischen Parteien in Doha.
Und Mehrheitsführer Saad Hariri sagt: «Heute beginnen wir ein neues Kapitel in Libanons Geschichte.» Hassan Dawud ist für den Moment erleichtert. «Doch wie lange wird diese Einigung wohl anhalten?», fragt er sich bange. Mit dem in Doha unterzeichneten Abkommen und der Wahl von General Michel Suleiman zum neuen Präsidenten ist der Autor zufrieden. Obwohl die Hisbollah alle ihre Forderungen durchsetzen konnte, sieht Hassan Dawud die Schiiten-Miliz nicht als Sieger. Die Schliessung der «Mustaqbal»-Medien habe selbst bei der Hisbollah nahestehenden Zeitungen wie «Al-Akhbar» und «As-Safir» scharfe Proteste ausgelöst und wurde zu einer nationalen Angelegenheit. «Die Hisbollah hat diesen ,Krieg‘ zwar militärisch gewonnen, doch politisch hat sie verloren. Ihren guten Ruf, den sie durch den Krieg gegen Israel im Sommer 2006 in der arabischen Welt gewonnen hat, den hat sie jetzt verspielt, indem sie Krieg gegen die libanesische Bevölkerung geführt hat.»
Der Krieg macht Pause
Iman Humaydan traut diesem Frieden nicht. Für sie beweisen die Ereignisse in diesen fünf Tagen Anfang Mai, dass sich die Unkultur der Gewalt durchgesetzt und ihrerseits eine Kultur von Angst und Schweigen erzeugt habe: «Die Begriffe Staat, Verfassung, Menschenrechte wurden ersetzt durch Widerstand, Volksgruppen, Feind. Im Bewusstsein der Libanesinnen und Libanesen gibt es den Staat nicht mehr, weder in Friedens- noch in Kriegszeiten.» Der Krieg macht Pause. Und Beirut erwacht zu neuem Leben, während die alten Konflikte weiterschwelen.
Erstpublikation dieses Artikels von Susanne Schanda am 31. Mai 2008 in der Samstagsbeilage „Der kleine Bund“ von Der Bund. Der Preis wurde für den Preis für unabhängigen Journalismus, den Preis für freischaffende JournalistInnen 2008 nominiert.