Das Tal der langen Schatten
Im steil abfallenden Gelände zwischen Maloja und dem Grenzdorf Castasegna liegt das Bergell, die Heimat von Alberto Giacometti. Die langgestreckten Skulpturen des Künstlers, der 1966 starb, stehen in den bedeutendsten Museen der Welt. Die Bergeller allerdings zeigen sich beim Gedenken an den großen Bildhauer sehr zurückhaltend.
Von Monique Rijks
Wie Findlinge vor der Gletscherzunge liegen die Hotels am Ende der Oberengadiner Seenplatte. Die Ausläufer des mondänen Ferienbetriebs treffen hier auf die karge Alpenwelt. Nur wenige
Meter hinter den letzten Häusern von Maloja bricht die Landschaft auf der Kante jäh weg, stürzt in die Tiefe und verliert jede Spur von Gastlichkeit. Tausend Meter weiter unten, im Schatten des glamourösen Engadins mit seinem weiten Himmel, der reizvollen Natur und der schillernden Prominenz, ducken sich die Dörfer des Bergells.
„Großartig ist der Blick in die Tiefe“, schwärmte Stefan Zweig angesichts des einzigartigen Geländes, der Schweizer Schriftsteller Walter Kauer verlor an dieser Stelle, auf der Höhe des Malojapasses, „plötzlich den Erdboden unter den Füssen“, und für den Einheimischen Diego Giacometti lag auf dem Boden des Abgrundes, 21 Haarnadelkurven tiefer, „die Hölle“. Das Bergell, ein 23 Kilometer langes Durchgangstal in den Süden, ist Wohn- und Arbeitsraum für 1600 Menschen. Eine typische Randregion. Dass es dennoch weltweit wahrgenommen wird, verdankt es der Familie Giacometti. Vater Giovanni eroberte im ausgehenden 19. Jahrhundert mit impressionistischen Bildern die Schweizer Kunstszene, 50 Jahre später wurde sein Sohn Alberto mit seinen langen, hageren Skulpturen sowie monochromen Porträts und Landschaften weltberühmt. Diego, der zweitälteste Sohn von Giovanni und Annetta Giacometti, trat erst nach dem Tod von Bruder Alberto 1966 aus dessen Schatten und machte sich als Schöpfer filigraner Möbel und Objekte einen Namen.
Bruno, der Benjamin der Familie, ist Architekt, er hat in Zürich, wo der 100-Jährige heute noch
lebt, das Hallenstadion in Zürich- Oerlikon und die Schweizerische Epilepsieklinik gebaut. Der „andere“ Giacometti, Vetter Augusto (1877–1947), erwarb sich Ruhm als „Meister der Farbe“. Sie alle – bis auf Bruno – ruhen in Stampa, auf dem Friedhof San Giorgio oberhalb des Dorfes.
Stampa, im Juni 2007. Im Heimatort der berühmten Familie zieht sich die Talsohle zu einem schmalen Strich zusammen. Es ist eng hier; die Landschaft streckt sich auf beiden Seiten
rasch wieder in die Höhe, als hätte sie Angst, zu lange in dieser Gedrängtheit zu verweilen. Mitten durch das Dorf, vorbei an den Häusern, die sich vor der steilen grauen Wand des Piz Grand in den Hang zu krallen scheinen, braust der Transitverkehr. Im Laufe der Jahre hat er dem Ort seine Farben geraubt und die einstige Pracht mit einer Staubschicht überzogen.
Hier steht das Atelier der Künstler Giovanni und Alberto Giacometti. Nur die verblasste
Inschrift „Atelier dei Maestro pittori scultori Giovanni & Alberto Giacometti“ am untersten Balken
des unscheinbaren braunen Holzstalles weist darauf hin, dass darin kein Heu gelagert wurde,
sondern Bilder und Skulpturen entstanden, die heute von den bedeutendsten Museen der Welt
gezeigt werden. Hinter den dicken Holzwänden scheint die Zeit eingefroren zu sein.
Mehr als 40 Jahre nach Alberto Giacomettis Tod stehen die Tische mit den Brandmalen seiner Zigaretten unverrückt im Raum. Auf dem Boden kleben die Scotch-Tape-Markierungen, die er anbrachte, damit seine Modelle immer genau am gleichen Ort saßen.
Von der Decke hängt die grüne Lampe, die den Mittelpunkt des Bildes „Die Lampe“ von Giovanni Giacometti bildet. In der hintersten Ecke befindet sich das geschnitzte Ehebett, in
dem der Fotograf Henri Cartier-Bresson Alberto 1961 mit Zigarette im Mund und entrücktem Blick
porträtierte. An der Wand gegenüber hat der Künstler seine Pinsel abgetupft; die Reinigungsfläche wirkt wie ein buntes Gemälde – ein starker Gegensatz zu den von
Grau beherrschten Werken des Künstlers. Ein Raum voller Geschichten; Geschichten, die er bislang für sich behalten hat, denn er ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
„Im Tal hat niemand eine Idee, was man aus dem Atelier machen könnte. Es geschlossen
zu lassen, ist die einfachste Lösung“, sagt Marco Giacometti, ein Vetter Albertos im dritten Grad,
während er die verstaubten Fensterläden öffnet und das scharfe Nachmittagslicht in den Raum
strömt. Der hagere Mann hat in Zürich Tiermedizin studiert, später in Wien, Basel, und Chur gelebt. 2003 ist er mit seiner Frau und der kleinen Tochter nach Stampa zurückgekehrt. Während seiner Wanderjahre hat er erfahren, dass der Name Giacometti in der Fremde ein Echo auslöst. Dieses Interesse möchte er jetzt für sein Tal nutzen und hier, im Herzen des Bergells, ein Kulturzentrum Giacometti gründen. „Wir leben in der Landschaft, die diese Künstler geprägt hat; die Räume, in denen sie ihr Leben verbrachten, sind alle noch vorhanden“, sagt Marco Giacometti.
„Das sind doch wirklich ideale Voraussetzungen für ein Zentrum, in dem sich Kunstinteressierte
aus der ganzen Welt mit den Giacomettis und ihren Werken auseinandersetzen können.“
Wenn er von diesem Projekt spricht, glänzen seine Augen vor Begeisterung. Noch immer, auch
wenn nicht wenige Bergeller in den vergangenen zwei Jahren alles daran gesetzt haben, dieses
Glitzern zu löschen. Nach seiner Rückkehr ins Tal ließ Giacometti sich zum Gemeindepräsidenten von Stampa wählen. Als frischgebackener „Presidente“ wollte er seine itbürger vom „Centro Culturale“ überzeugen. Er sprach von der kulturgeschichtlichen Dimension des Tales, von Wertschöpfung und Förderungsgeldern. Die Bergeller stellten sich quer.
Sie fürchteten die hohen Kosten nd die Tatsache, dass sich plötzlich Fremde in die Angelegenheiten des Tales einmischen könnten. Vor allem aber widersprach die Idee des Präsidenten den Plänen der mächtigen Unione Democratica di Centro (UDC, Schweizerische Volkspartei), die das Tal als Schlafstätte des Engadins positionieren möchte. Von
dieser Maßnahme verspricht sie sich vor allem eine deutliche Zunahme der Bautätigkeit. Die Mitglieder der Partei, die aus mehreren Familienclans besteht, besetzen die meisten Zweige des Gewerbes und bestimmen die wichtigen politischen Dossiers.
„Im Bergell“, erklärt Marco Giacometti, „regieren die UDCFamilien über die Geschicke des Tales. Und wehe dem, der sich getraut, ihnen zu widersprechen.“Die Konsequenzen eines solchen
Verhaltens musste er am eigenen Leib erfahren: „Bis anhin herrschte im Bauwesen, das fest
in den Händen der UDC-Familien ist, eine gewisse Anarchie. Oftmals waren zum Zeitpunkt, als
die Baubewilligung eingereicht wurde, die Bauarbeiten bereits in vollem Gange.“
Giacometti stoppte diese Projekte und büßte die beteiligten Unternehmer. Im Gemeinderat
setzte er sich für das Gesetz zur Förderung von Erst- statt von Zweitwohnungen ein, doch „indem ich dafür sorgte, dass die demokratischen Regeln und Ziele eingehalten wurden, machte ich mir immer mehr Feinde“. Er trat dem UDC-Clan zu nahe. Die Quittung dafür erhielt er bei den nächsten Wahlen: Das Gemeindepräsidium von Stampa ging an ein Mitglied der UDC. Offiziell heißt es, Giacometti wäre zu forsch für seine Idee, ein Centro Giacometti zu errichten, eingetreten. „Das ist Humbug“, sagt der Betroffene, „eine perfekte Ausrede – sie liefert einen nachvollziehbaren Grund für meine Nicht-Wiederwahl, und gleichzeitig bringt sie das Fusionsprojekt, für das meine Idee ein Sinnbild hätte sein können, ins Stolpern.“
Näheres über das Fusionsprojekt möchte ich in der Turnhalle des Sekundarschulhauses
von Stampa erfahren. An die 100 Menschen haben sich hier an einem frühsommerlichen Abend
Mitte Juni 2007 versammelt. Auf der linken Seite sitzen die Männer der UDC auf ordentlich aneinandergereihten Stühlen. Gegenüber, in wildem Durcheinander, hat die „Opposition“ Platz genommen.
„Indipendenti“, Unabhängige, nennt sich die Gruppe, in der sich vom Kapitalisten bis zum Kommunisten jene Menschen des Tales zusammengetan haben, die sich gegen die Übermacht
der UDC wehren wollen und mit Anna Giacometti, Marcos Schwester, die Präsidentin stellen.
Tagsüber arbeitet sie in Samedan als Vorsteherin der Vormundschaftsbehörde des Engadins, in
ihrer Freizeit aber will sie „ihr“ Tal vorwärtsbringen. Die ältere Generation respektiert die 45-jährige Frau mit dem leichten Lachen und dem natürlichen Charme wegen ihrer Kompromissbereitschaft, mit der sie versteinerte Zustände aufbricht und Lösungen vorantreibt; die Jüngeren schätzen ihre Freude am Festen und Feiern.
Die Sitzung verläuft zahm, alle Vorschläge – die Renovation des Doktorhauses in Brentan, die höheren Preise für den Musikunterricht – werden einstimmig angenommen. Nach zwei Stunden
wird die Versammlung aufgelöst, ohne Erwähnung des Fusionsprojekts. Beim Verlassen der Halle zwinkert uns ein Mann unter Augenbrauen wie dunklen Wolken zu und sagt: „Heute war’s fast ein bisschen langweilig, normalerweise fliegen hier die Fetzen.“ Vor allem, sagt er, wenn es um das Fusionsprojekt gehe.
Als erstes Tal Graubündens will die regionale Behörde des Bergells seine fünf politischen Gemeinden zu einer einzigen zusammenlegen. Das Vorhaben versetzt das Tal in eine eigenartige Lethargie. „Niemand trifft wichtige Entscheidungen, alle warten auf die Abstimmung
im Frühjahr 2008 – wir leben in einem regelrechten Fusionsvakuum“, erklärt der Mann.
Zu Streitereien kommt es immer dann, wenn sich jemand in seinem Hoheitsgebiet bedroht
fühlt. „Im Bergell sind alle kleine Könige“, sagt Anna Giacometti.
Seit Generationen sind die Reichen klar verteilt, nicht nur in der Politik, auch im Gewerbe, im gesellschaftlichen Leben und selbst auf der Jagd. Jeder pflegt und verteidigt sein eigenes Gärtchen. Der Gedanke, dass man etwas gemeinsam anpacken und verändern könne, sei für viele neu und bedrohlich. Deshalb kümmert sich die regionale Behörde, „La Regione“, um Anliegen, die das ganze Tal betreffen. Sie wurde 1997 gegründet und sorgte gleich
am Anfang für ein Erdbeben im Tal: Die Wahl des Präsidenten fand ausnahmsweise an der Urne
und nicht per Handaufstrecken statt, jeder durfte, ohne Angst vor späteren Repressionen, seine
Stimme dem persönlichen Favoriten geben.
Armando Ruinelli, Architekt und Mitglied der Unabhängigen, gewann die Wahl. Ein Schock für
die Mitglieder der UDC. In den folgenden neun Jahren boykottierten sie sämtliche Abstimmungen der Regione und bekämpften jeden ihrer Vorschläge.
Im Januar 2007 trat das neue Gemeindegesetz in Kraft. Seither hat die Regione ein offizielles, von der Kantonsregierung erteiltes Mandat; alle Gemeindepräsidenten mussten ihr beitreten.
„Dadurch hat sich die Zusammenarbeit markant verbessert, die UDC-Vertreter merken, dass unsere Ideen gar nicht so schlecht sind“, sagt Anna Giacometti. Für die Präsidentin, seit 2004 im Amt, ist der Schulterschluss der fünf Gemeinden die Voraussetzung für das Überleben des Tals.
Dafür geht sie, wenn nötig auch gewisse Kompromisse ein. Und verzichtet zum Beispiel auf
die Weiterentwicklung des Projektes für das Centro Giacometti, auch wenn dieser Entscheid auf
viel Kritik aus den eigenen Reihen stößt. Die Vorwürfe kontert sie gelassen: „Die harten Männerköpfe haben in der Vergangenheit ja wenig Erfolg gezeitigt.“
Wer heute in Stampa Werke der Giacomettis sehen will, muss das Talmuseum in der Ciäsa Grande besuchen, einem Patri. Der Architekt Armando Ruinelli hält Vorträge im
ganzen Land, lebt und arbeitet aber in seinem Heimatdorf Soglio Patrizierhaus in der Mitte des Dorfes.
In den oberen drei Etagen sind Pflanzen, Steine, ausgestopfte Tiere ausgestellt: ein vermotteter Bär aus dem 19. Jahrhundert, der berühmte „Bergeller Wolf“, der 2001 geschossen wurde. Das Erdgeschoss gehört der Kunst der Familie Giacometti. Im geräumigen weißen Saal mit dem milchigen Oberlicht schreiten drei ältere Frauen von Bild zu Bild. Mit ihrem Gang, Füße nach außen gestellt, Kopf zwischen den Schultern eingezogen, Rücken leicht gebückt, erinnern sie ein wenig an Murmeltiere. Im Tal gehen alle älteren Menschen so, das ist der Preis, den man für ein langes Leben in einer Landschaft zahlt, in der es immer nur hinauf oder hinunter geht. Die Frauen stehen lange vor jedem Werk, erzählen sich Geschichten über die abgebildeten Menschen, mischen eigene Erinnerungen hinzu – als würden sie durch ein altes Fotoalbum
spazieren.
Später tischt uns Frida Walther-Engel, mit 76 Jahren die Jüngste der drei, in ihrer Küche Würste und Wein auf. Sie schenkt zügig nach und erzählt von der Zeit, als sie im Restaurant „Piz Duan“ Wirtin war. Heute ist das Lokal, das im Geburtshaus von Giovanni Giacometti untergebracht
war, geschlossen. Aber damals, in den 1950er Jahren, als das Bergell für kurze Zeit aufblühte, war das „Piz Duan“ der Treffpunkt der Talbevölkerung. In der urchigen Holzstube mit den gewölbten Decken wurden Feste gefeiert, Verstorbene betrauert und der Alltag besprochen. 1955 hatten die Stimmbürger der Stadt Zürich einen Kredit für den Bau der Staumauer Albigna oben im Tal bewilligt. „Dieser Entscheid hat damals nicht nur Geld und Arbeit ins Tal gebracht, sondern auch Menschen“, erinnert sich Frida Walther-Engel.
Das sei die Zeit gewesen, als Alberto Giacometti jeweils im November, wenn die Sonne für vier
lange Monate das Tal verlässt und nur noch die Flanken der Berge anstrahlt, nach Stampa zurückkehrte. Etwa aus Paris, wo er viele Jahre lang lebte. „Alberto brachte die Welt ins Tal, er erzählte Geschichten, setzte sich zu den Einheimischen, fragte nach der Heuernte, nach der Schafzucht. Er ist, auch wenn er draußen in der Welt immer berühmter wurde, einer von uns geblieben.“ Giacometti pflegte jeden Tag den gleichen Rhythmus, schlief lange, trank im Piz Duan Espresso und Schweppes, kaufte ein Päckchen Chesterfield und entschwand in sein Atelier gegenüber. „Seine Hände haben nie geruht“, sagt Frida Walther-Engel, „er war immer
am Zeichnen, am Kritzeln, auf Zeitungen oder auf meinen Tischen.“ Später auf den weißen Sets,
mit denen sie die Tische schützte. Fand sie eine Zeichnung besonders schön, fragte sie ihn, ob sie die behalten dürfe. Aber er zerriss immer alles gleich wieder und sagte, „sie sind nichts wert, ich bin nichts wert, ich bin und bleibe ein Tschapott“, ein Unfähiger. „Alberto hat dem Tal viel gegeben“, erklärt Frida Walther-Engel. „Dank ihm reisten die unterschiedlichsten Menschen nach Stampa, das hat uns außergewöhnliche Begegnungen und einen zusätzlichen Verdienst ermöglicht.
Und meiner Schwester Redolfina, die mit 33 Jahren Witwe wurde und neun Kinder ernähren
musste, hat Alberto oft Geld zugesteckt.“ Trotzdem findet sie ein Centro Giacometti überflüssig. „Immer nur Giacometti, Giacometti. Das ist doch Vergangenheit. Wir müssen
vorwärtsschauen, der Alltag im Tal ist hart. Es leben hier so viele alte Menschen, und wir können
uns nicht einmal einen eigenen Leichenwagen leisten!“ Wie Frida Walther-Engel denken viele der Älteren hier. Sie haben es satt, dass sich Fremde immer nur für die Giacomettis
interessieren, und die anderen Talbewohner übersehen. „Im Bezug auf das Bergell
stelle ich eine erhöhte Sentimentalität fest“, doziert Gian Andrea Walther. Der kleine, stämmige
Mann – großer Kopf, wilde graue Mähne – ist der Präsident der Kulturgesellschaft
des Tales. Mit dem Bergell, wo er, abgesehen von ein paar Studienjahren in der Fremde,
immer gelebt hat, verbindet ihn eine Hassliebe. „Bei uns wissen die Eltern schon bei der Geburt
ihres Kindes, dass es nach 16 Jahren ausziehen wird.“ Die fehlenden Ausbildungsplätze seien
für viele Familien ein Grund, fortzugehen. Die Lebensumstände sind schwierig. Die mangelnden
Perspektiven, die langen Winter ohne Sonne, die Enge, nicht nur die geografische, auch die gesellschaftliche: „Vieles ist von Geburt an festgelegt; man ist ein Walther, ein Giacometti, ein Maurizio oder ein Roganti – man ist vom ersten Tag eingeteilt und kontrolliert.“
Gian Andrea Walther lädt regelmäßig Menschen aus dem Unterland in sein Haus ein. Schriftsteller, Künstler, Journalisten.
Meistens im Sommer oder im Herbst, wenn das Tal sein Königskleid trägt. Dann leuchten die Farben unter der südlichen Sonne, die Straßen sind voller Leben, im Grotto von Bondo wird Boccia gespielt, Wein getrunken und mit grandiosen Gesten diskutiert. An solchen Tage beneiden Fremde Walther um sein Leben in dieser wilden Landschaft, die so bedeutende
Künstler hervorgebracht hat. „Dabei sind weder das Licht noch unsere Berge verantwortlich
für die Kunst der Giacomettis, sondern der Maler Giovanni Segantini ist es“, verkündet Walther
seine Lieblingsthese. „Als Segantini Ende des 19. Jahrhunderts wie ein Meteorit in Maloja
landete, freundete sich Albertos Mutter Annetta Giacometti mit ihm an.“ Sie merkte, dass
Kunst durchaus ein Beruf sein kann, und unterstützte „ihre“ Männer mit dem Vermögen, das
sie von ihrer Familie, den Zuckerbäckern Baldini, geerbt hatte.
Walther ist überzeugt, dass das Verhalten von Annetta prägender war als die vermeintliche „Aura“ des Tales. „Solchen Fragen könnte man im Rahmen eines Zentrums
nachgehen, das wäre nicht nur für uns Bergeller spannend.“ Und dann klopft er plötzlich auf den
Tisch, hebt die Stimme und poltert: „Es ist ein Wahnsinn, wir haben diese weltberühmten Künstler und wir schaffen es nicht, ihnen eine angemessene Reverenz zu erweisen – das glaubt uns außerhalb des Tales niemand.“ "Manchmal haben die Bergeller Bretter vor dem Kopf“, erwidert sein Freund Armando Ruinelli.
Der feingliedrige Mann mit dem glatten Kopf wirkt neben Walther wie ein fleischgewordenes Kontrastprogramm. Der Architekt lebt in Soglio, auf der Sonnenterrasse des Tals. Von seinem Atelier aus hat er einen schönen Überblick. „Die Menschen wehren sich aus drei Gründen gegen das geplante Centro“, erklärt er uns. Der erste Finger schnellt in die Höhe: „Bei der konservativen Mentalität hier sind Neuerungen schwierig.“ Zweiter Finger: der Standort.
Wird im Frühling das Fusionsprojekt angenommen, soll die Sekundarschule von Stampa nach Bondo verlegt werden, in die Mitte des Tales. Das Gebäude, 1963 von Bruno Giacometti gebaut, stünde dann leer und könnte ein idealer Rahmen für das Kulturzentrum sein. Viele Familien wollen aber ihre Kinder weiter in das Schulhaus mit der prächtigen Aussicht schicken. Ruinelli schüttelt den Kopf: „Die Schule besucht man, um zu lernen, nicht um den Ausblick zu genießen!“
Dritter Finger: Marco Giacometti. „Er gehört zum falschen Clan. Deshalb kommt nicht infrage,
dass man auf seine Ideen eingeht. So einfach ist das bei uns.“ Doch nicht nur die Gegner
haben einen harten Kopf, auch Marco Giacometti gibt nicht auf. Zuerst will er die Entscheidung für oder gegen die Gemeindefusion abwarten – ein komplexes Unterfangen, denn jede Gemeinde stimmt einzeln ab, außerdem bestimmt die Gemeindeversammlung vorher, ob offen oder geheim. „Wenn wir an der Urne abstimmen können, hat das Projekt eine gute Chance, angenommen zu werden, wenn wir aber per Handaufstrecken wählen müssen, könnte
es knapp werden“, sagt Giacometti. Das bestätigen alle: Viele Einwohner, die im Stillen eine Veränderung im Tal herbeiwünschen, stehen aus Angst vor Repressionen seitens der Fusionsgegner nicht offen zu ihrer Meinung.
Nach der Abstimmung will er sein Projekt vorantreiben. „Ich liebe das Bergell, manchmal auch
trotz der Bergeller“, sagt er. Da hat er mehr Ausdauer als sein Vetter Diego Giacometti. Der ist nach dem Tod seiner Mutter nie mehr in die „Hölle“ zurückgekehrt.
Erstpublikation: GEO, August 2008. Diese Artikel von Monique Rijks wurde für den Schweizer Preis für unabhängigen Journalismus, den ersten Medienpreis für freischaffende JournalistInnen nominiert.