Fliessendes Land
Von Angelika Overath
Es sollte einfach nur schön sein. Eine Winterferienwoche mit dem jüngsten Kind auf einer Insel: nach Würmern graben am Strand, den Möwen zusehen. Nichts tun. Vorsichtig hatte sie das Wort Wellness-Urlaub ausgesprochen. Sie war Reporterin; Reporter reisten nicht so. Aber sie war müde. Sie dachte an ein Hotel mit Sauna und Schwimmbad. Als die große Tochter davon hörte, erklärte sie, sie komme mit. Es waren ihre ersten Semesterferien. Sie studierte jetzt in einer fremden Stadt.
Für Süddeutsche beginnt der Norden in Frankfurt. Duisburg ist eine andere Welt. Nach Arnheim waren die Durchsagen Holländisch. Irgendwann Zwolle. Sie war mit dem Kleinen nun acht Stunden unterwegs, vier Stunden lagen noch vor ihnen. Sie hatte nicht fliegen wollen. Der Junge blieb munter. Er malte Bilder nach Zahlen bis 150, Löwen erschienen unter Palmen, Piraten hingen in den Masten, Dromedare durchzogen Wüsten. In Leeuwarden würde Silvia zusteigen. Von Leeuwarden ging ein Schienenbus nach Harlingen Haven. Die letzte Fähre fuhr um 17.30 Uhr: nach Vlieland.
Eine Freundin hatte immer wieder von Terschelling erzählt, und als sie über das Internet dort eine Unterkunft buchen wollte, waren Hotels erschienen, in deren Adresse das Wort „Vlieland“ auftauchte. Vlieland ist ein Ortsteil von Terschelling hatte sie gedacht.
Dann hatte sie eine Insel entdeckt.
Die Tochter stieg nicht in Leeuwarden zu. Auch mit den folgenden Schienenbussen kam sie nicht in Harlingen Haven an. Möwen schrieen. Hölzerne Schiffe mit hohen Masten schaukelten vor putzigen Häuschen wie aus historischen Bilderbüchern.
Schafft sie es?, fragte sie den Jungen.
Ja, sagte er.
Sie kauften sich Aniskekse, mit denen er die Möwen fütterte. Sie warteten den letzten Schienenbus ab. Dann kauften sie die zwei Fährenkarten für sich.
Die Schiffsmotoren liefen. Über dem Meer begann jener Vorgang der Dämmerung, der für Menschen aus dem Mittelgebirge immer etwas Unwahrscheinliches hat. Durch die Scheiben sah sie noch eine Frau in mittleren Jahren den Fährensteg hinunterlaufen. Ihr Blumenrock schmiegte sich um die Oberschenkel. Eine Einheimische, dachte sie, man hat noch auf eine Einheimische gewartet. Gleich würde jene Bewegung beginnen, mit der ein schweres Schiff ablegt. Sie lehnte sich in den Sessel zurück.
Sie ist schon groß, dachte sie, sie wird in Harlingen übernachten. Morgen früh holen wir sie an der Fähre ab. Der Junge hockte mit zurückgelegtem Kopf vor dem Fernseher, der über der mittleren Sitzreihe hing und starrte auf die gebogenen Silhouetten von Eisschnelläufern in hoher Geschwindigkeit.
Willst Du nicht sehen, wie wir losfahren?, rief sie ihm vom Fenster aus zu. Er schüttelt sich, wie ein nasser Hund.
Die Sonne war noch gelb, das Meer von intensiver metallener Blässe. Da blitzte etwas Rotes auf dem Steg.
Silvia zog den Rollkoffer auf das Schiff.
Wo ist mein Kleiner?, fragte sie.
Sie trug einen kurzen Trenchcoat, ihre Beine steckten in schwarzen Strumpfhosen.
Der Junge grinste.
Sie drückte ihm einen Marzipanfisch in die Hand.
Das hast du nicht mehr schaffen können, sagte ich.
Die Tochter lächelte und zog die Schirmmütze ab.
Ich habe eine Holländerin im Schienenbus gefragt. Sie hat mich zum Fahrkartenschalter mitgenommen. Die Frau an der Kasse hat im Schiff angerufen, daß wir noch kommen.
Die Fähre hatte abgelegt. Sie fuhren in einen rötlichen Abend, in eine indigofarbene schaumige Nacht; die unsichtbaren Fahrrinnen des Wattenmeers waren von grünen und gelben Bojen erhellt.
Was sie sehr schnell begriffen, war, daß ihr Hotel in der Dorfstraße entgegen der Ankündigung auf der Website, weder über ein Schwimmbad noch über eine Sauna verfügte. Der blonde Mann an der Rezeption nannte freundlich mit einer nach draußen weisenden Handbewegung ein anderes Hotel, in dem sie Schwimmbad und Sauna mitbenützen könnten. Etwas langsamer begriffen sie, daß dieses Hotel anderthalb Kilometer entfernt am Strand lag, eine großzügige Betonanlage, die sich durch die Dünen zog. Dort im Keller endlich, wo hinter Glas eine junge rosige Familie mit zwei quirligen Kleinkindern in einem Pool stand, dauerte es Sekunden der Ewigkeit, bis ihnen klar wurde, daß genau diese Badewanne hier das Schwimmbad sein sollte.
Silvia ließ sich in einen Plastikstuhl fallen. Der Junge war zielstrebig in einem Aufenthaltsraum für Kinder verschwunden, in dem dicht an dicht Flipperautomaten fiepten.
Ich wollte schwimmen, ich wollte abnehmen, sagte die Tochter und starrte gegen das Glas der Planschhalle.
Wir müssen das Modul wechseln, hauchte ich.
Der Junge kam und fragte freudig nach 50Cent-Münzen.
Der Strand war weit, bei Ebbe bildeten sich spiegelnde Siele. Kleine Vögel rollten wie Bälle davon, andere standen auf langen Beinen ruhig am Rand der Schaumzungen. Muschelsäume blieben zurück. Sie liefen. Der Junge steckte sich die Taschen voller Krebsschalen. Sprang über das leckende Meer. Schrie, wenn das Wasser schneller war als er und seine Schuhe naß wurden. Sie bauten Burgen. Sie lagen mit dem Rücken im Sand und fielen in die Wolken.
Sie waren angekommen und in ungeahnter Weise fremd.
Sie hatte es nicht wahrnehmen wollen.
Etwas Unbekanntes hatte sich eingeschlichen. Die Tochter hatte es gleich am ersten Morgen gesagt, und die Reporter-Mutter hatte abgewehrt. Aber es war da. Es sickerte in die Tage, es machte, daß sie die Schultern leicht anzogen. Schließlich sprachen sie doch darüber, vorsichtig, daß der Junge es nicht bemerkte. Aber dann kickte er versonnen seinen Fußball über den gepflasterten Weg zum Strand und sang: “Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein werden wir Weltmeister sein“ und Silvia fuhr herum und zischte:„Halt die Schnauze“!
Sie erinnerten sich wechselseitig daran, Englisch zu sprechen, wenn sie Einheimische etwas fragen wollten.
Unweit der Betonanlage stand ein großer Holzpavillon auf Stelzen zwischen Dünen und Meer. Sie mochten das Licht in diesem weiten Raum. Zum Wasser hin war er verglast, und das Flackern der Petroleumlampen spiegelte sich schon am späten Nachmittag in den Fensterscheiben.
Die Frau saß am Ende des Raums.
Ihre offenen Locken glühten zimtrot. Ein Säugling lag an ihrer Brust. Sie sprach mit einer Freundin, die ihr gegenüber saß. Dann wieder schwiegen beide Frauen vertraulich. Ein Hund lag ihnen zu Füßen.
Der Kleine steuerte den Nebentisch an. Jungen Hunden haben proportional große Pfoten, sagte Silvia und setzte sich. Sie dachte an den alten Hund zu Hause, der einmal Silvias Hund gewesen war und nun tags unter ihrem Schreibtisch, nachts neben ihrem Bett lag. Mein Musenhund, dachte sie, mein Angsthund. Als sie später zum Gehen aufstanden, erhob sich auch das fremde Tier.
Es war reflexhaft; sie streichelte es. Hinterher dachte sie, daß sie zu ihm gesprochen haben wird (man streichelt nicht stumm einen fremden Hund). Und wohl in ihrer Muttersprache.
Wie alt er denn sei, fragte sie nun auf Englisch. Die Frau sah sie nur an.
Sie spricht nicht mit mir, dachte sie, und erwiderte den Blick. Ihre Gesichtszüge (Antlitz, dachte sie) waren weiß und ebenmäßig. Dann kam die Antwort in harter deutscher Intonation „Vier Jahre“. Sie verließen den Raum durch ein Spalier von Blicken. Draußen sagte die Tochter: Wir sind die Neger von Vlieland.
Wilde Dankbarkeit für die Schönheit der Dünen. (Der Junge läßt sich über das Seegras herunterrollen. Dann liegt er mit einem Stock nach Löwen auf der Lauer) Für den Geruch der Kiefern, das Schmatzen des Watts (hinterher müssen sie die Kleider wechseln, die Schuhe waschen. Auf der Fensterbank wächst die Sammlung an Muscheln, Steinen, Krebspanzer). Glück über das Salz in der Luft, im Gesicht. Die dicken Pferde im Wind, die eckigen Ziegen, das Pfeffer- und Salzmuster der Vögel, die flüchtenden Hasen im Sand, die Eleganz der Fasane. In den großen Steinen einer Buhne findet der Junge einen Seestern. Er fährt über die sich langsam zusammenziehenden Saugnäpfe. Er lebt doch noch, sagt er und wirft ihn weit ins Wasser zurück.
Sie sehen ein torkelndes Holzstück in den Wellen. Es verschwindet. Taucht wieder auf. Sie glauben es nicht. Dann lachen sie und winken. Zwei knopfrunde schwarze Augen sehen ihnen unverwand aus einem hochgereckten öligen Halskopf entgegen.
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Am dritten Tag hatte es zu regnen begonnen.
An der Dorfstraße lag ein Antiquitätengeschäft . Hier gab es Jugendstilgläser und angeschlagene Kaffeetassen, die an 50 Jahre Befreiung von den Deutschen erinnerten, eine antike Rüstung, mehrere Schwerter, Fossilien, bunte Steine, alte Videos, CDs. Und Bücher. In einem Schrank stapelte der Nachaß eines deutschen Pfarrers, der seinen Lebensabend auf der Insel verbracht hatte. Die Adress-Stempel in den Büchern wechselten, Leipzig, Frankfurt, Vlieland. Manche Bücher waren auf dem Vorsatzblatt kommentiert. (Manzoni, Die Verlobten: „Mutter hat es gerne gelesen“.) Sie kauften: Andersen, „Die kleine Seejungfrau und andere Märchen“, Paul Valéry, „Über die Kunst“, eine Dramenausgabe von Camus, einen Israelreiseführer von 1954, ein Heftchen von Karl Barth, „Wolfgang Amadeus Mozart, 1756/1956“.
Vlieland hat gut 1000 Einwohner; im Sommer sind es 8000. Vielleicht wollen sie wenigstens im Winter unter sich sein, sagte sie. Dann sollen sie keine Winterangebote machen, im Internet auf Deutsch, sagte die Tochter.Es sind nicht die selben Leute, die das entscheiden, wand sie ein. Im 17. Jahrhundert gab es auf der Insel 70 Walfangkapitäne; in der Weihnachtflut von 1717 ging Westvlieland unter. Ost-Vlieland prosperierte, solange die großen Segelschiffe aus Amsterdam vorbeikamen. Im 19. Jahrhundert bot ein neugebauter Kanal den modernen Dampfschiffen einen direkteren Weg ins Offene. Vorübergehend erwog man, das Eiland ganz dem Meer zu überlassen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigten sich die ersten Touristen. Heute ist das Dorfbild geprägt vom Fahrradverleih. Hier gibt es auch Karten für Bootsfahrten zu den Robbenbänken oder Ausflüge in den Westen der Insel, ein Übungsgebiet des in Leeuwarden stationierten holländischen Militärs. Am Wochenende ruhen die Kampfflugzeuge und Panzer. Dann bringt ein wasser- und dünentüchtiger Laster die Touristen in die „Niederländische Sahara“. Fährt er auf dem Strand zurück, prägen seine Reifen einen Reklame-Schriftzug in den feuchten Sand.
Abends laufen sie die Dorfstraße entlang. Hinter den vorhanglosen Scheiben der alten Kapitänshäuser liegen erleuchtete Wohnstuben, Eßzimmer. Öffentliche Raumfluchten der Intimität. Sie sehen einen Hund, der auf einem Stuhl mit am Tisch sitzt.
Sie sind nicht vorzeitig abgefahren. Sie blieben eine Winterferienwoche lang auf Vlieland. Die Tochter ging zu streng bemessenen Betriebszeiten in das öffentliche Schwimmbad und lernte, daß es Stunden gab, in denen man nur „banen zwemmen“ durfte, ab 16 Jahre, und andere, während derer man auch kreuz und quer schwimmen konnte, ohne Altersbeschränkung. Sie liefen die Insel ab. Sie verliefen sich in den Dünen, in den Cranberry-Feldern. Sie sahen den Leuchtturm nicht mehr und hatten am Strand die Himmelrichtung verloren. Sie schliefen lang und hatten immer Hunger. Sie aßen Fische, Krebse, Krabben, Austern, Muscheln. Da sie Freundlichkeit als Schmuggelware erlebten, wurde jeder freundliche Kellner ein Komplize.
Der Jungen bekam seinen ersten Drachen ( schwarz, mit Piratengesicht) und rannte um sein Leben, und lernte, daß ein Drachen nur gegen den Wind steigt.
Die Zeit zog sich zurück. Die Stunden standen in den Sielen. Manchmal verschwand die Tochter in ihrem Zimmer im Internet; manchmal kam sie und las Andersenmärchen vor. Das Kind malte Mandalas aus. Abends, wenn es schlief, gingen sie beide in ein Cafe, in dem alte englische Lieder liefen. Als sie wieder in der Fähre saßen, frühmorgens um 7.00 Uhr, es war noch dunkel, waren sie froh. Der Junge führte mehrere Kilo Kalk- und Chinin-Fragmente mit sich.
In Harlingen Haven schaukelten die Segelschiffe mit den hohen Masten im Morgenlicht.
In Leeuwarden stieg die Tochter in den anderen Zug. Nach Arnhem waren die Durchsagen nur noch deutsch.
Hinweis:
Dieser Text der freischaffenden Journalistin Angelika Overath wurde in der Kategorie "Unveröffentlichte Arbeiten und neue journalistische Formen" zusammen mit einem Artikel von David Bauer mit dem Schweizer Preis für unabhängigen Journalismus ausgezeichnet.
Er wurde am 5. Januar 2009 im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung publiziert.
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