"Lieber ausgebeutet als arbeitslos"

Von Villi Hermann

Während meiner drei China-Reisen in den Jahren 2006, 2007 und 2008 filmte und fotografierte ich zusammen mit dem Schweizer Fotografen Andreas Seibert, der seit mehreren Jahren das Leben und die Arbeit der mehr als Hundert Millionen chinesischen Wanderarbeiter dokumentiert, in den chinesischen Provinzen von Sichuan, Guangdong, Hunan, Chongqing, Anhui, Jiangsu, Shanxi, Jiangxi, Hebei und in der Innern Mongolei. Die Unterschiede von einer Provinz zur anderen sind enorm, vor allem zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung. Dieses krasse Gefälle zwischen Arm und Reich hat mich erschüttert. Ich versuchte deshalb, mehr zu erfahren. Ich wollte wissen, woher die Wanderarbeiter kommen, wohin sie gehen und unter welchen Umständen sie arbeiten, leben.

Die Migration innerhalb Chinas ist eine Realität beeindruckender Dimension: Gegenwärtig gibt es laut einer offiziellen chinesischen Statistik aus dem Jahre 2006 in China ungefähr 131,8 Millionen innerchinesische Migrantinnen und Migranten. Vermutlich sind es mehr: Ganz China ist in Bewegung. Alle arbeiten kurzfristig. In chinesischen Zeitungsartikel schreibt man von interner Migration, von „floating population“.

Es ist innerhalb Chinas eine kolossale Völkerwanderung im Gange, die keine vergleichbaren Momente in der modernen Geschichte kennt. In den nächsten Jahrzehnten werden weitere 300 Millionen chinesische Bauern vom Land in die Grossstädte ziehen. Der Druck auf die urbanen Zentren wird zunehmen. Eine Stadt wie Chongqing, die in der Schweiz kaum jemand kennt, ist eine 30-Millionen-Grossstadt im Zentrum Chinas mit dantesken Zuständen, in der man ob all der Luftverschmutzung das Tageslicht nicht mehr sieht.
Die internen Wanderarbeiter machen bereits einen Drittel der Bevölkerung aus. Sie leben hier ohne jedwelche Grundrechte.
Zwar sah ich in Peking auch einzelne Protest-Graffitis an den Mauern von Häuserblöcken aus den 70iger Jahren, die leer standen. Sie wurden geräumt, weil sie Platz machen müssen für glanzvolle neue Hochhäuser und Wolkenkratzer.
Auf einer der alten Häuserfassaden stand: „Widerstand der Zerstörung und Macht dem Volk“. Und die Forderung: „Soziale Sicherheit“. Solch offene Opposition sei noch sehr selten, erläuterte uns der chinesische Freund, der uns auf unseren Reisen durch China begleitete.

Die Bewohner, die die Wohnungen räumen mussten, sind in die entfernte Stadtperipherie umgesiedelt worden. Die leeren und teilweise zerstörten Wohnungen werden kurzfristig von den Migranten besetzt. Sie haben hier jedoch kein Licht, kein Wasser und keine Heizung. Sie ernähren sich immer von den gleichen, monotonen Speisen: Nudelsuppe und etwas gekochtes Gemüse. Sie müssen arbeiten und sparen, um das Überleben der daheim gebliebenen Familienmitglieder zu unterstützen.

Die Wanderarbeiter arbeiten vor allem als Bauarbeiter. 11 Stunden pro Tag und 26 Tage im Monat. Sie verdienen ungefähr die Hälfte eines normalen chinesischen Arbeiters. Sie haben keine Sozialleistungen und müssen teilweise auf den Lohn warten, weil die Arbeitgeber - wenn man sie so nennen kann - mit ihnen machen können, was sie wollen. Die Mingong, die " Volksarbeiter", wie man die internen Migranten nennt, gelten offiziell als illegal. Offizielle Niederlassungsbewilligungen in den Städten kriegen die wandernden Bauern selten bis nie.

Abseits der urbanen Zentren Chinas leben Millionen von Menschen in bitterer Armut. Ein Bauer verdient ungefährt vier mal weniger als ein Arbeiter in der Stadt. Gegenwärtig leben in China ungefähr 800 Millionen offizielle "Bauern". Diese werden nach dem abrupten Wechel Chinas von einem Agrar- in einen Dienstleistungsstaat ernährt von den 130 Millionen umher wandernden Volksarbeitern, die Geld nach Hause schicken. Weil sie ihr Land nicht verkaufen dürfen, brachte die Landreform den Bauern nichts.

Überleben können viele alte Menschen oder Kinder nur Dank der Überweisungen von Familienangehörigen, die in den Grossstädten, vor allem auf Baustellen, arbeiten. Sie verliessen ihre Dörfer in den armen ländlichen Regionen, um Arbeit in den urbanen Zentren zu suchen. In Strömen kommen sie in die grossen Städte. Weit entfernt von ihrer offiziellen "hukou", ihrem Heimort, ihrem offiziellen Wohnsitz, haben die Wanderarbeiter praktisch keine Rechte und gelten offiziell als 'illegal'. Sie leben in Armut und sind oft gezwungen, direkt auf den Baustellen zu leben und zu wohnen, in improvisierten Barackenlagern; sie schlafen auf Pritschen und ziehen von einer Arbeit zur anderen. Ihr Hab und Gut schleppen sie Säcken und in Plastikplanen gehüllt mit sich. Sie tun die Arbeit, die sonst niemand machen will.

Ich vermute aber, dass die soziale Stabilität in China in naher Zukunft heftig in Frage gestellt werden wird. Allein in der Grossstadt Shenzhen, die vor 20 Jahren noch ein Fischerdorf war, und heute ungefähr 14 Millionen Einwohner zählt, arbeiten 12 Millionen solche rechtlose, offiziell 'illegale' innerchinesische Migranten. Damit einher geht auch: Schwarzarbeit, fast keine soziale oder medizinische Betreuung. In all den grossen Städten werden die sogenannten Volksarbeiter diskriminiert, sie haben auch keine politischen Rechte. Ihr Kind bzw. Kinder sind in den Schulen in den Städten nicht zugelassen. Das Kind muss im offiziellen Heimort der Eltern in die Schule gehen.

In China gilt "hukou": sämtliche Haushalte in Chinas sind offiziell registirert, entweder als Städter oder als Bauern. "Städter" dürfen in der Regel nur in städtischen Zentren wohnen. Dort haben sie Vergünstigungen in den Bereichen Bildung, Medizin und Arbeit. Die "Bauern" jedoch haben nur bei ihnen auf dem Land die Möglichkeit, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Das bedeutet, dass den Bauern, die sich dennoch in einer städtischen Gegend niedergelassen haben und dort arbeiten, Vieles vorenthalten bleibt und sie getrennt von ihren Familien leben, die sie nicht nachziehen können.

Um offiziell in eine andere Provinz oder Stadt zwecks Arbeit umzuziehen, braucht es eine Bewilligung. Diese wir nur sehr selten ausgstestellt. Meistens wollen die reichen Städte die armen Migranten vom Land gar nicht: die boomenden Städte befürchten, die Wanderarbeiter würden womöglich auch Ansprüche geltend machen, Kinder in die Schule schicken und vielleicht zum Arzt gehen wollen.

Viele Millionen Wanderarbeiter arbeiten und leben deshalb offiziell als illegal. Sie haben keine Aufenthaltsbewilligung. Ihre Anwesenheit wird so auch zum Riesengeschäft für alle, die billige Arbeitskraft suchen. Sie sind eine Art arbeitende Unterschicht. Sie sind eine ganze Arbeiterschicht auf Abruf, die man kurzfristig einstellen und ebenso kurzfristig entlassen kann. Niemand lehnt sich auf. Gewerkschaften gibt es noch nicht. Sie sprechen knapp Mandarin, die offizielle Sprache Chinas, und verfügen oft nicht über eine Fachausbildung.

Den beispiellosen Bauboom Chinas allerings möglichen machen nur sie, die Mingong, die Volksarbeiter. Sie bezahlen einen hohen Preis: Die Löhne sind minimal. Aus Not machen erledigen die Mingdong alle jene Arbeit, die sonst niemand machen will. Gleichzeitig herrscht gegenüber den Volksarbeitern ein Klima des Misstrauens: Die meisten Baustellen werden von uniformierten Wächtern bewacht. Für viele neureiche Chinesen und Städter sind die Wanderarbeiter ein Übel. Kriminalität, Prostitution und Drogenprobleme werden schnell den Wanderarbeitern zugeschrieben. Es entsteht latenter Rassismus.

In der Provinz Sichuan wohnte ich während den Filmaufnahmen in einem Bauerndorf, das mich in der Grösse an Gossliwil erinnerte. Die Bauernfamilie konnte nicht einmal eine Sau halten, da das Futter zu viel kostete - und Essensreste gab es nie. Sie hatten einige Hühner und Enten. Dabei gäbe es einen Markt für Schweinefleisch - da die Chinesen sehr viel Schweinefleisch essen. Der Bauer, bei dem ich Gast war, konnte nur überleben, weil sein Bruder in der Grossstadt Guangzhou arbeitet und das Ersparte nach Hause schickt. Am Telefon klagt der Bruder immer, wie einsam er in der Stadt sei. Er sei oft deprimiert und schaue pessimistisch in die Zukunft.

Die Kohle, das wahre Gold
Es ist fast 30 Jahre her, als ich das letzte Mal Kohlengeruch einatmete. Zuletzt in London während meiner Studienzeit. Dieser penetrante Kohlegeruch war für mich ungewohnt. In England heizten damals noch alle mit Kohle. In der Schweiz heizten wir mit Holz. In China begegnete ich diesem penetranten Kohlegeruch Jahrzehnte später wieder: In manchen Kohlengegenden ist alles schwarz: der Boden, der Dorfplatz, die Autos. Die Wäsche, die Gärten und das Gemüse. Alles ist mit einem schwarzen Kohlenstaub überzogen. Die Chinesen leben mit dem Kohlenstaub, und vermutlich habe auch ich ihn immer noch in meinen Lungen. Aber sicherlich niemals soviel wie die Kohlengrubenarbeiter.

Ich filmte in der Gegend von Datong. Datong ist eine wichtige Kohlengegend. Hier besuchte auch der chinesische Präsident Hu Jintao eine Kohlengrube. Er spornte die Mineure an, auch während der Ferien zu arbeiten, um die Produktivität zu steigern. Denn: ganz China ist von der Kohle abhänig: Elektrizität, Heizung, Transportmittel. Alles. Jeder kocht zuhause mit Kohle und in jedem Raum gibt es einen kleinen Kohleofen. Davon ausgeschlossen sind natürlich die Wolkenkratzer... Doch deren Klimaanlagen fressen noch mehr Energie, die durch Kohle gewonnen wird.

Aber wie kann man mit Ferienarbeit die Produktivität steigern wollen, und die Sicherheit der Mineure in den Wind schlagen? Die Bergleute, mit denen ich sprach, erklärten klipp und klar, dass sie auf Akkord arbeiten. Unter Tag, mit oftmals veralteten Maschinen. Für die International Labour Organisation ILO in Genf ist Akkordarbeit unter Tag das Schlimmste, was einem Mineur passieren kann.
Hinzu kommt, dass es für die Mineure praktisch keine ärztlichen Untersuchungen gibt. Der Mineur, den ich zuhause besuchte, erinnerte sich, dass er vor knapp 15 Jahren seine letzte medizinische Kontrolle hatte. Heute ist er 53 Jahre alt. Er hat Schmerzen im Rücken, in den Knien, hustete unentwegt und sehr stark. Er musste dauernd spucken.

In seinem Alter sollte ein Mineur eigentlich bereits pensioniert sein oder mindestens nicht mehr 700 Meter unter Tag arbeiten müssen. Er erwähnte im Gespräch, dass die Maschinen und Werkzeuge veraltert, die Ventilatoren schwach seien, und dass der erwirtschaftete Gewinn der Kohlengrube nicht in die Modernisierung investiert würden, sondern einfach verschwänden... Er war entrüstet darüber, dass er sogar die Kohlenreste für die Heizung der Wohnung teuer bezahlen musste: Er hatte einen ganz kleinen Ofen und eine winzige Kochstelle, die er mit teuren Kohlenresten seiner staatlichen Kohlengrube betreiben muss.

Doch das eigentliche Problem dieser Kohlegruben-Gegend ist ein anderes, das zwar ebenso bekannt ist, wie es vertuscht wird: Viele Kohlengruben müssen aus Sicherheitsgründen oder nach Unfällen geschlossen werden. Das hindert gewisse skrupellose Geschäftsleute bzw. eigentliche Bandenführer jedoch nicht daran, die Gruben illegal weiter zu betreiben, weil gegenwärtig ein starker Bedarf an Kohle vorhanden ist.

Man arbeitet versteckt, nachts und und vor allem mit den internen Migranten. Es sind Leute, die noch nie in einer Grube waren. Man verspricht ihnen einen „guten Lohn“. Wie viele andere haben sie ihr Heimatdorf verlassen müssen, weil sie die Familie nicht mehr ernähren können. Sie arbeiten meistens im Akkord, in minimaler Sicherheit. Dies erinnerte mich an die Recherchen, die ich damals für den Film „San Gottardo“ machte: Der damalige Bauunternehmer Louis Favre bezahlte nicht einmal die Leute bar, sondern teilte sein eigenes gedrucktes Papiergeld aus. Auch damals in Airolo herrschten miserable Arbeits- und Wohnbedingungen.

Kohle ist heute Gold wert in China. In der Provinz Shanxi allein gibt es ungefähr 3000 bis 4000 illegale Kohlengruben. Zu diesem Problem hinzu kommen die Luftverschmutzung, Vergiftung von ganzen Tälern und Flüssen. Nun plant die chinesische Regierung den Bau von 30 Atomkraftwerken in den nächsten Jahren.
Offizielle chinesische Statistiken sagen, dass die tödlichen Unfälle in den Kohlegruben jedes Jahr zurück gehen würden: von den offiziellen 6000 Toten im Jahr 2006 seien es „nur noch“ 3786 im Jahre 2007. Unabhängige Organisationen in Hongkong schreiben jedoch von ungefähr 20’000 jährlichen tödlichen Arbeitsunfällen (!). Die offiziellen Statistiken erwähnen dabei auch die gesundheitlichen Schäden wie chronische Atembeschwerden und die Staublunge nicht. Zudem hinterlässt jeder Verunfallte oder Erkrankte eine Familie, die praktisch nie Anrecht auf eine Entschädigung hat.

Kinderarbeit, welche Zukunft?
Fast alle Wanderarbeiter investieren ihre Ersparnisse in zwei Dinge: in die Erziehung ihrer Kinder (meistens nur eines), in deren Schul- und Berufsausbildung, und in das Häuschen in ihrem Heimatdorf. In China zahlt man für alles. Alles hat einen Preis, sogar „das Recht“ auf ein zweites Kind. Mit dem in den Städten bitter erwirtschafteten Geld reparieren sie das Häuschen, in dem die Grosseltern mit den Kleinkindern wohnen. Sie ziehen Licht und Wasser ins Haus, ersetzen die Fenster, die noch vor kurzem mit Säcken und Plastik verhängt waren.
Sie reparieren die Küche, erneuern den Lehmboden und verputzen die Mörtelwände neu. Auf dem Land wird überall und immer geflickt, gebaut und renoviert. Und überall sah ich die hohen Kamine der Ziegelfabriken. Ich besuchte eine Backstein-Fabrik, in der Lehm gebrannt wurde.

Die Fabrikarbeiter, Frauen und Männer, kamen alle aus der Provinz Sichuan. Sie alle wohnten in der Nähe der Fabrik, Kleinkinder waren ebenfalls auf der Baustelle. Ein Teil der jungen Arbeiter schien noch minderjährig. Das chinesische Gesetz verbietet zwar Kinderarbeit. Unabhängige Organisationen schreiben jedoch von rund 10 Millionen Kindern, die in China arbeiten müssten. Kinderarbeit ist in China ein eigentliches Staatsgeheimnis, ein so genanntes „Jimi“. Wer dagegen verstösst, wird verhaftet. Unser Übersetzer drängte darauf, den Ort schnell so als möglich zu verlassen. Auch der Fahrer wurde nervös.

Es gibt in den Städten Quartiere, in denen vor allem Computer und Fotokopierer verkauft werden, und in denen alle möglichen Ausweise ausgestellt werden: Bewilligungen, Idenitätspapiere, Zertifikate und Niederlassungsausweise. "Ganz billig" auch Fahrausweise, die man verloren hat oder noch nie besass, alles wird in wenigen Minuten kopiert. Die Polizei schaut zu. Wie kann man also das Alter von Jugendlichen kontrollieren, die auf den Baustellen arbeiten? Wie kann man Jugendschutz gewährleisten, wenn es einen grossen Bedarf gibt an billigen Arbeitskräften? Wer kontrolliert die Arbeiter? Gewerkschaften gibt es noch nicht, die so genannte Gewerkschaft ist vom Managment kontrolliert. Die offiziellen Übersetzer haben grosse Schwierigkeiten, das Wort "Gewerkschaft" überhaupt zu übersetzen oder zu umschreiben.

In letzter Zeit nimmt der Analphabetismus in China wieder zu. Immer mehr Kinder auf dem Land verlassen die Schule frühzeitig. Sie beenden die Grundausbildung nicht. Die Frage ist: wie kann China langfristig Produkte produzieren und exportieren, die ein gewisses Fachwissen verlangen, wenn das ausgebildete Personal eine lückenhafte Grundausbildung hat? Die Frage geht auch uns an: Warum sind asiatische Produkte für uns so billig? Weil die Arbeitskraft billig ist und noch keine Grundrechte fordert? Die Kohle, mit der die ganze chinesische Industrie betrieben wird, kostet immer noch wenig - auch weil die menschlichen Opfer, die irgendwo weit weg gemacht werden, in unserer globalisierten Wirtschaft nicht zählen. Die Arbeiter wissen, dass sie ausgebeutet werden, aber, wie mir ein Wanderarbeiter in der Sichuan Provinz sagt. "Lieber ausgebeutet als arbeitslos."

Ein Reisebericht von Villi Hermann, Lugano, August 2008

Hinweis: Dieser Artikel von Villi Hermann wurde in der Kategorie der unveröffentlichten Artikel für den Preis für freie JournalistInnen, den Preis für unabhängigen Journalismus nominiert. Der Artikel wurde in italienischer Sprache teilweise erstveröffentlicht in der Wochenzeitung area, Lugano, 11. Juli 2008, Sondernummer China.