Das ewige Eis schmilzt unter riesigem Getöse

Wer auf einem Eisbrecher durch die Arktis fährt, kann die Folgen der
Klimaerwärmung sehen: Der Nordpol schmilzt - mit weit reichenden Konsequenzen
.

Von Bernadette Calonego, Kugluktuk

Keine Spur von Eis in Resolute Bay. Die Sonne brennt auf öde, steinige Hügel, als ob diese Siedlung nicht die zweitnördlichste der Welt wäre. Der Ort liegt auf 74,43 Grad nördlicher Breite, nur 1687 Kilometer vom Nordpol entfernt, doch Aziz «Ozzy» Kheraj, der Inhaber des South Camp Inn, einer Unterkunft für Polarexpeditionen und Eisbärjäger, kann sich fast wie in Tansania fühlen, wo er aufgewachsen ist. Der wärmste Sommer seit 40 Jahren wird in der Gegend verzeichnet.
An die Arktis erinnern die angebundenen Schlittenhunde, die bunten winterfesten Häuser und der ausgestopfte Moschusochse im South Camp Inn. Ozzy lebt schon seit 29 Jahren in Resolute, einer von wenigen Weissen unter 200 Inuit. Heute ist ein besonderer Tag für ihn und die isolierten Arktis-Bewohner, denn vor Resolute ankert der Eisbrecher Louis S. St-Laurent. Das Wasser in der Bucht schwappt wie in einem Kurbad. Kanadas grösster Eisbrecher, ein Schiff der Küstenwache, das Schollen von acht Meter Dicke spalten kann, wirkt irgendwie fehl am Platz.

Der legendäre Seeweg
An Bord des Eisbrechers befindet sich ein Wissenschaftlerteam, das den Folgen der Klimaerwärmung nachspüren soll. «In der Arktis zeigen sie sich am stärksten», sagt Martin Bergmann, der Direktor des Projekts «Polare Kontinentalplatte». «Die durchschnittliche Wassertemperatur hat sich erhöht.» Manche Dinge sind aber komplexer im Land des ewigen Eises , als sie auf Anhieb scheinen. Bergmann weist darauf hin, dass nicht alle Regionen der riesigen Arktis in gleichem Masse vom Klimawandel betroffen sind. Manche Gegenden würden sich sogar abkühlen. Aber im westlichen Teil der Arktis, in der Beaufort-See, der Bering-Strasse und der russischen Chukchi-See, sei die Erwärmung am grössten, sagt Bergmann. Das wärmere Klima wirke in zweierlei Beziehung auf das ewige Eis ein: Es verkleinere die Oberfläche und mache die Schollen gleichzeitig dünner.
Die Louis, Königin der Arktis, 120 Meter lang, 24 Meter breit und 11441 Tonnen schwer, nimmt Kurs auf die Fjorde und Inseln der legendären Nordwestpassage. Dieser Seeweg verbindet den Pazifik mit dem Nordatlantik. Kapitän Stewart Klebert, ein Arktis-Veteran, umrundet die Insel Somerset auf ihrer östlichen Flanke. Der Himmel verdüstert sich, die Temperatur sinkt rasant. Wie schwarze Ungeheuer tauchen die schroffen Felsen der Leopold-Insel aus dem Nebel auf. Senkrechte Wände, 240 Meter hoch und so gerade, als habe sie jemand mit dem Beil gespalten.
Die Louis schwenkt in die Ballot-Strasse ein, einen engen Meereskanal zwischen der Somerset-Insel und der Halbinsel Boothia, dem nördlichsten Punkt des nordamerikanischen Festlandes. Der Louis bleibt nur eine Rinne von 300 Metern, die tief genug ist zum Navigieren. Kapitän Klebert, ein Turm von einem Mann, für den die Arktis eine Leidenschaft ist, überwacht den risikoreichen Kurs. Sein Gesicht ist ernst. «Manche dieser Kanäle können eine echte Herausforderung sein», bemerkt er kurz angebunden.
Die Louis bahnt sich einen Weg durch dünnes Eis . Es sieht aus wie in der Bewegung erstarrte Wellen. Braune, blaue und grünliche Schlieren durchziehen das schmutzige Weiss. Dazwischen schimmert Wasser in blauen Tümpeln. Über solches Eis zu trekken, wie es Expeditionen in der Vergangenheit wagten, muss ein Alptraum gewesen sein. Klebert hat schon harte Verhältnisse in der Arktis erlebt. Nicht dieses Mal: «Wir haben für die Jahreszeit eine leichte Fahrt.»

Die gestresste Tierwelt
Der 53-jährige Kapitän beobachtet seit einigen Jahren, dass das Eis immer früher auftaut im Sommer. Ob es nur mit dem Klimawandel zusammenhängt, kann er selbst nicht beurteilen. Der Mann, der der kanadischen Küstenwache seit 35 Jahren angehört, beruft sich auf die Experten an Bord. Zum Beispiel Kevin Trenberth vom National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder im US-Bundesstaat Colorado. Er sagt, die Eisdecke in der Arktis sei zwischen 1978 und 2005 alle zehn Jahre um durchschnittlich 7,4 Prozent zurückgegangen. Das entspreche einer Million Quadratkilometer. Die Hochrechnungen und Computermodelle des NCAR legen die Befürchtung nahe, dass bis zum Jahr 2050 - aber vielleicht schon 2040 - das Eis der Arktis weit gehend verschwunden sein wird. Es hätte schlimme Folgen für Tiere, die vom Eis abhängig sind: Eisbären, Robben, Füchse und Vögel.
Nach ihnen hält John Wells auf dem Deck der Louis Ausschau. Auch in den Nächten, die nie dunkel werden, sucht der Wissenschafter den Horizont mit seinem Fernglas ab. Plötzlich kommt Aufregung auf. Die Stimme von Wells erklingt durch den Lautsprecher. Alle stürmen aufs Deck. Ein Eisbär! Mit blossem Auge ist in der weissen Wüste nur ein gelblicher Punkt zu erkennen, der sich langsam fortbewegt. Der Eisbär hat es schwer. Und die Elfenbeinmöwe, die im Packeis zu Hause ist, kämpft ums Überleben. Wells sagt, sie sei von allen Vögeln am stärksten von der globalen Erwärmung bedroht. Bei einer Bestandesaufnahme unlängst sei an den Nistplätzen nur noch ein Fünftel der usprünglichen Bevölkerung gezählt worden.
Andere Folgen des arktischen Eisschwundes sind weltweit spürbar. Trenberth vom NCAR hält fest, dass sich die Meeresspiegel seit 1992 jährlich um 3 Millimeter erhöht hätten. 40 Prozent der zusätzlichen Wassermasse stamme von geschmolzenem Arktiseis. Bei Stürmen steige weltweit das Risiko von Überschwemmungen und Küstenerosion.

Die geborstenen Eisschollen
Mit dem Abschmelzen von Gletschern und Eiskappen gelangt auch mehr Süsswasser in die arktischen Gewässer. Das reduziert den Salzgehalt des Wassers, was wiederum die Meeresströmungen beein-flusst. Die östliche Arktis und die Labrador-See gelten als Umwälzpumpe für den globalen Wärmeaustausch zwischen den Ozeanen der Welt. Diese Antriebskraft könnte sich verlangsamen und mit ihr der Golfstrom, der das Wetter in den nordeuropäischen Ländern stark beeinflusst. Kevin Trenberth glaubt, dass sich der Erwärmungstrend in Ländern wie Grossbritannien, Deutschland und Skandinavien abschwächen könnte.
Stösse wie bei einem Erdbeben erschüttern die Louis in der Nacht. Es schrammt den Schiffsrumpf entlang. Ohrenbetäubend. Das Kajütenbett wankt, überall dröhnt und zittert und knirscht und scheppert es. Die Louis kämpft sich in der Victoria-Strasse durch riesige Eisschollen. Gigantische Flächen richten sich krachend auf, schieben sich übereinander und fallen mit Getöse zusammen.
Plötzlich herrscht Ruhe. Das Schiff steht still. Eine ganze Weile. Die Louis legt den Rückwärtsgang ein und nimmt Anlauf. Kapitän Klebert lässt fünf statt drei der dieselbetriebenen Elektromotoren laufen. Mit der Wucht von 27 000 PS presst sich die Louis auf das Eis , sie röhrt und ächzt. Unvermittelt, einem Befreiungsschlag gleich, schneidet der Bug wie ein Messer durch die Blockade. Lastwagengrosse Eisblöcke kippen taumelnd zur Seite.

Die paradoxe Entwicklung
Der Eisbeobachter der Louis, Denis Lambert, lässt sich am nächsten Tag mit dem auf dem Schiff stationierten Helikopter vorausfliegen, um die Eisbildung zu überprüfen. Früher, sagt Lambert, sei das mehrjährige Eis «hart wie Beton» gewesen. Solchem Eis sei selbst die Louis ausgewichen. «Aber seit zehn Jahren treffen wir auf mehrjähriges Eis , das richtig mürbe und weich ist.»
Die Erwärmung mache die Gewässer der Arktis mittelfristig aber nicht freier von Eis , sagt Lambert. Als sich im vergangenen Jahr erstmals grosse Teile vom Rand der Polarkappe abgespaltet hätten, habe dieses Eis die nördliche Küste Alaskas blockiert. Gleich drei Eisbrecher seien dort Mitte Juli stecken geblieben. Durch die globale Erwärmung gebe es an Orten unerwartet Eis , wo man es früher nie angetroffen habe, meint Lambert. «Es ist paradox.»
Nach sieben Tagen erreicht unser Eisbrecher wieder offenes Wasser. Die Häuser des Inuit-Dorfes Kugluktuk am Coronation-Golf leuchten in der Sonne. Allan Niptanatiak, ein 50-jähriger Wildhüter, fischt im Coppermine-Fluss. Im letzten Winter, erzählt er, sei die Eisdecke nur einen Meter dick gewesen, einen halben Meter weniger als früher. Es führte zu tragischen Unfällen. Die Eisdecke gab unter den Schneemobilen einiger Inuit nach. Fünf der 1400 Bewohner von Kugluktuk ertranken.
«Die Winter sind viel milder als frü-her», sagt Wildhüter Niptanatiak. Normalerweise sei die Meeresbucht vor Kugluktuk erst Mitte Juli eisfrei. In diesem Jahr war es schon Anfang Juli so weit. Und dann dieser massive Regen, nur wenige Tage vor Ankunft des Eisbrechers: Ein Gewitter mit Donner und Blitz und so viel Niederschlag wie sonst in einem Jahr nicht ging über dem Coronation-Golf nieder. Es sei das erste Gewitter überhaupt in der arktischen Region gewesen, sagt Niptanatiak. Seine 87 Jahre alte Mutter sei vor Angst ganz ausser sich gewesen.
Als die Louis S. St-Laurent die Bucht von Kugluktuk verlässt, scheint die Sonne. Die Strassen, die vom Gewaltsregen aufgeschwemmt sind, werden ausgebessert. Die Bewohner von Kugluktuk vergnügen sich am Strand. Inuit-Kinder plantschen im Ozean, als ob sie sich am Mittelmeer befänden. Sie kommen nur rascher heraus und hüllen sich gleich in warme Tücher. An der Badehütte steht eine Warnung: «Schwimmen auf eigenes Risiko.» Das Leben in der Arktis ist wärmer geworden - und gefährlicher.

Das Rennen um die arktischen Rohstoffe

Von Bernadette Calonego
Früher waren die Eisschollen in der Nordwestpassage hart wie Beton, heute sind sie oft angetaut und aufgeweicht.

Der internationale Wettlauf um die Arktis ist in vollem Gang. Rohstoffreserven locken. Russland verankert Anfang August eine Fahne auf dem Meeresgrund unter dem Nordpol und erklärt ihn zum eigenen Territorium. Kanadas Premier Stephen Harper fliegt nach Resolute Bay und kündigt militärische Verstärkung und einen neuen Hafen an. Die Dänen senden ein Forschungsschiff. Die USA fordern freien Durchgang durch die arktischen Wasserwege. Multinationale Konzerne rüsten sich für die Ausbeutung der riesigen Rohstoffreserven, die unter dem Meeresboden vermutet werden.
Experten halten es für möglich, dass die Nordwestpassage in 30 Jahren während des Sommers eisfrei sein wird. Für Supertanker und Containerschiffe wäre sie dann eine attraktive Verbindung zwischen dem Pazifik und dem Atlantik, weit kürzer als der Weg durch den Panamakanal. Diese Aussicht hat die Anrainerstaaten in Aufregung versetzt. Kanada, die USA, Russland, Norwegen und Dänemark erheben Anspruch auf riesige Gebiete auf dem Meeresboden.
Kanada steckt plötzlich mitten in einem Gerangel. Es ist konfrontiert mit dem Anspruch der USA und der EU, die Nordwestpassage sei ein internationales Gewässer mit freier Durchfahrt für alle. Die beiden argumentieren, es handle sich um eine Verbindung zwischen zwei Ozeanen und müsse für alle zugänglich sein. Die Kanadier sehen es anders: Es handelt sich ihrer Ansicht nach um ein Binnengewässer, das sie nicht zuletzt aus Gründen des Umweltschutzes bewahren wollen.

Konkurrierende Ansprüche
Nicht umstritten ist die Hoheit über die rund 19 000 Arktis-Inseln, die Kanada 1880 von Grossbritannien zugesprochen erhielt. Im grossen Wettlauf der Nationen geht es um die Gewässer und den Meeresboden. Kanada hat die 1982 entstandene Uno-Seerechtskonvention (UNCLOS) vor vier Jahren unterschrieben. Nach dem Seerechtsabkommen darf ein Staat eine 200-Meilen-Zone vor seiner Küste als exklusive Wirtschaftszone nutzen und ausbeuten. Darüber hinaus können die Länder ihre Rechte auf Meeresgrundgebiete absichern, wenn diese geologisch mit dem eigenen Festland verbunden sind.
Russland hat die Konvention auch unterzeichnet. Das eigene Staatsgebiet würde es gerne um ein riesiges Unterwassergebiet im Arktischen Ozean vergrössern, das Kanada als Teil seines Hoheitsgebietes betrachtet. Es handelt sich um ein Meeresgebirge, den so genannten Lomonossow-Rücken, der sich auf einer Länge von 1500 Kilometern zwischen Kanadas nördlichstem Punkt, der Ellesmere-Insel, und Sibirien erstreckt. In den umliegenden Unterwassergebieten werden bis zu 10 Milliarden Kubikmeter an Öl- und Gasreserven sowie Diamanten und Metallerze vermutet. Das von Russland beanspruchte Gebiet ist so gross wie Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Alle Länder haben der Uno-Seerechtskonvention zufolge zehn Jahre Zeit, ihre Gebietsansprüche zu belegen. Es wird erwartet, dass neben Kanada und Dänemark auch Norwegen und die USA Anspruch auf Unterwassergebiete in der Arktis anmelden werden. Allein: Washington hat die Uno-Seerechtskonvention bis heute nicht unterzeichnet.

Erstpublikation: 4. September 2007, Tages-Anzeiger. Diese Arbeit von Bernadette Calonego wurde für den Preis für unabhängigen Journalismus 2008 nominiert. 2009 ist weltweites Polarjahr.