Die Karriere eines Hochstaplers
Jozef M. Rydlo hat im Waadtland laut Gerichtsakten seine Familie bedroht, Titel erschwindelt, Handschriften gestohlen. Lausanner Psychiater erklärten ihn für «paranoid», die Schweizer Justiz sprach ihn frei. Heute sitzt der Ultranationalist im slowakischen Parlament. Die Schriftstellerin Irena Brezna, gebürtige Slowakin, rollt den Fall auf. Sie berichtet, Rydlo leugne nicht, von der Schweizer IV zu leben.
Von Irena Brezna
1975 begegnet die 27-jährige Französin Michèle Poncik in der Romandie einem gleichaltrigen und gross gewachsenen Emigranten aus der von den Sowjets okkupierten Tschechoslowakei. Der viel beschäftigte, gebildete Homme de lettre beeindruckt sie. Später wird sie dem Gericht in Lausanne schreiben: «Tout était faux» – alles war erlogen.
Anfänglich meint sie, das idealisierte Vaterbild vor sich zu haben. Ihr tschechischer Vater war während des Krieges von der britischen Royal Air Force dazu auserkoren worden, den stellvertretenden Nazi-Reichsprotektor von Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich umzubringen. Nach dem Absprung hatte sich jedoch sein Fallschirm in einer Baumkrone verheddert, und das Attentat verübten andere. Der Fallschirmoffizier Pavel Poncik nahm später an der Landung in der Normandie teil und wurde von der britischen Königin mit einer Medaille geehrt.
Böses Erwachen
Das Wunschbild eines Heldenehemanns, der aus der unbekannten Welt hinter dem Eisernen Vorhang kommt, scheint Michèle Poncik dermassen in Bann zu schlagen, dass sie 16 Jahre lang etwas nicht wahrhaben will: Der Slowake Jozef M. Rydlo, den sie gleich nach einem coup de foudre heiratet und von dem sie zwei Kinder bekommt, ist das Gegenteil ihres Vater, des Kämpfers gegen Faschismus.
Michèle Rydlo-Poncik wird ein zweites Leben beschert, als Jozef Rydlo sie in einer Sommernacht 1991 in der gemeinsamen Wohnung in Chavannes-près-Renens bei Lausanne in geistiger Umnachtung mit einem Gürtel erdrosseln will, was die Kinder verhindern können. Kurz darauf versucht er am Bahnhof Morges beide Kinder unter einen fahrenden Zug zu werfen. Sind das bloss monströse Behauptungen einer verletzten Ehefrau? Die beiden Szenen geben nicht nur Michèle Poncik, sondern auch ihre Kinder zu Protokoll, nachzulesen in der umfangreichen Rydlo-Gerichtsakte.
Spätestens jetzt dürfte Michèle Rydlo-Poncik der Zusammenhang klar werden: zwischen den politischen Idealen ihres Gatten und der jahrelangen häuslichen Gewalt gegen sie und die Kinder, deren Spielzeuge er kaputtschlägt. Rydlo hat einen Hang zur Perversion: Dem Sohn Alexandre schenkt er laut Gerichtsakten zum elften Geburtstag eine Packung Präservative, der zehnjährigen Tochter Geneviève eine Postkarte mit erigiertem Penis.
Die Ehe wird geschieden, die Kinder bitten schriftlich darum, den Vater nicht mehr sehen zu müssen. Für Michèle Rydlo-Poncik, die über ihre Geschichte nicht mit der Zeitung reden will, bleibt die zum Albtraum gewordene Vaterfigur allgegenwärtig. Bis heute leidet sie laut Auskunft von Bekannten an der fixen Idee, ihr Exgatte trachte ihr nach dem Leben. Auch dieser Mann hat sich im Geäst ihres Lebensbaums schicksalhaft verheddert. Statt eines Verdienstordens wird ihm dann eine Schweizer Invaliden-Rente zugesprochen.
Hirngespinste
Der Psychiatrische Dienst der Medizinischen Universitätspoliklinik in Lausanne diagnostiziert bei Rydlo 1992 eine «fortschreitende Schizophrenie mit paranoiden Zügen». Er gilt schon 1989 als zu 100 Prozent erwerbsunfähig, «auf unbestimmte Dauer». Als Geschichtslehrer am Lausanner Kantonsgymnasium ist er nicht längst mehr tragbar, etwa weil er im Unterricht vom Französischen ins Slowakische wechselt, ohne es zu bemerken.
Er hat Heimweh, dem Traum von einer unabhängigen Slowakei schenkt der unbedeutende Emigrant seine ganze Liebe und intellektuelle Mühe. Im psychiatrischen Gutachten werden ihm «grössenwahnsinnige Ideen, unpraktikabel im Alltag ausserhalb seiner intellektuellen Hirngespinste», attestiert. Im Polizeiprotokoll heisst es lakonisch, der Arbeitslose beschäftige sich ausschliesslich mit seinen «slovaqueries», eine treffende Wortschöpfung für Rydlos Spinnerei.
Rydlo kreist in der Tat um ein Hirngespinst, aber kein harmloses: Er verfälscht die Geschichte, indem er den ersten slowakischen Staat, ein im Zweiten Weltkrieg kreiertes klerikal-faschistisches Gebilde, weisswäscht – genauso wie dessen Präsidenten, den katholischen Priester Dr. Jozef Tiso, einen treuen Handlanger Hitlers, der 1947 in der wieder entstandenen Tschechoslowakei als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde.
Jozef Tisos Schuld
Die Beurteilung von Tiso ist auch in der heutigen Slowakei der Dreh- und Angelpunkt für die politische Positionierung. Rydlo versucht im Sinne der nationalistisch-faschistischen Geschichtsschreibung Tiso von der Schuld für die Transporte freizusprechen, bei denen 1942 und 1944/45 über 70000 slowakische Juden in die nazistischen Todeslager kamen. 67000 starben. Rydlos Namensvetter und Übervater Jozef Tiso war direkt verantwortlich für den slowakischen Holocaust. Der Direktor des Jüdischen Museums in Bratislava, Pavol Mestan, ist besorgt, dass Nationalisten vom Schlag eines Rydlo diese Tatsache geschickt verdrehen. Der jetzige slowakische Staatspräsident Ivan Gasparovic verurteilt Tisos Regime.
Rydlo dagegen verurteilt den slowakischen Partisanenwiderstand gegen die Besatzer und stilisiert den slowakischen Staat von Hitlers Gnaden zum christlichen Bollwerk gegen den atheistischen Bolschewismus, zur Oase der blühenden Kultur und des Wohlstandes, wo Kriegsgefangenen Schokolade verteilt wurde.
Dienst am Vaterland
Diese Schönfärberei durchzieht als roter Faden Rydlos Leben, auch nachdem der arbeitslose «Gelehrte» die Romandie, wo er von seiner als Lehrerin tätigen Gattin und ihrer begüterten Familie ausgehalten wird, verlassen hat. Wäre er in der Schweiz geblieben, würden seine rückwärtsgerichteten Utopien wohl klanglos verhallen.
Doch 1993 trennt sich die Slowakei friedlich von der tschechischen Republik und wird selbstständig. Rydlo sieht sich politisch bestätigt. Der Familie hat er sich selbst beraubt, und so kann er sich nun voll und ganz seinem wahren Liebesobjekt widmen. Finanziell gepolstert durch die Schweizer IV-Rente geht in der Slowakei alles leichter. Nationalistische Kreise übersehen gerne seine Psychose, da sie gar selbst davon betroffen sein mögen.
Der edle Patriot, der aus dem goldenen Westen zurückkommt, um dem Vaterland in schwierigen Zeiten beizustehen, ist willkommen. Seine von ihm selbst frei erfundene akademische Laufbahn verschafft Rydlo Posten und Ansehen bei jenen, die sich täuschen lassen wollen. «Die Welt braucht die Lüge», so wird sein Credo in der Gerichtsakte zitiert, das er seiner Frau zu sagen pflegte, wenn er aus dem Haus in die harte Welt hinausging. Ein Fall von Projektion – nicht die Welt braucht die Lüge, sondern Rydlo braucht sie, um jemand zu sein. Die Lausanner Psychiater erwähnen seinen strengen Vater, der ebenfalls Jozef hiess und für den Sohn prägend bleibt: durch narzisstische Verletzungen, die er ihm zufügte, indem er ihn nie für voll nahm.
Sucht nach Titeln
Der erwachsene Sohn holt sich als Ersatz die Zuneigung von «väterlichen» akademischen Institutionen. Rydlos Sucht nach gefälschten akademischen Titeln ist in den slowakischen Emigrantenkreisen in der Schweiz bekannt und macht ihn dort zum Gespött. Ernster sieht es der damalige Prorektor der Lausanner Universität, Fedor Bachmann, der 1991 Rydlo in einem Brief mit gerichtlichen Folgen droht, falls dieser dem Ansehen der Lausanner Alma Mater schaden sollte, indem er weiterhin behauptet, er habe hier gewirkt. Doch Rydlo ist nicht zu bremsen.
In den slowakischen Medien gibt er unverfroren an, er habe von 1968 bis 1993 an folgenden Universitäten gewirkt: Padua, Venedig, Zagreb, Skopje, Rom, Vatikan, München, Wien, Toronto, Washington D.C., Lausanne, Bern, Genf, Buenos Aires und Paris. Er wechselt die Universitäten wie Unterwäsche, und so avanciert er in manchem Blatt zu «einem der gebildetsten Slowaken».
Gleich nach seiner Rückkehr ist der angebliche «Prof. Dr.» Jozef M. Rydlo Vizedirektor des slowakischen Museums in der Nationalisten-Hochburg Martin, dann wird er angestellt an der Universitätsbibliothek in Bratislava. Seit vergangenem Jahr vertritt «Prof. Dr.» Jozef M.Rydlo die ultranationalistische Partei Slovenska narodna strana (SNS) im slowakischen Parlament und ist dort Vizepräsident des Ausschusses für aussenpolitische Angelegenheiten.
Falscher Professor
Falls jemand seine Titel anzweifeln sollte, hat der Diplomvernarrte vorgesorgt, dank fleissigem Sammeltrieb: Die Waadtländer Kantonspolizei beschlagnahmt in der Wohnung in Chavannes-près-Renens Dutzende gestempelte Blankoformulare von Ämtern und akademischen Institutionen, etwa von der Universität Lausanne. Bevor sich Rydlo 1974 an der Universität in Lausanne immatrikulieren lässt, ist er angeblich schon Doktor, denn der «Hochbegabte» soll in Padua innerhalb von zwei Jahren im Alter von 23 Jahren den Doktortitel in «Literatur und Philosophie» erworben haben, und zwar auf Italienisch.
Die Waadtländer Kantonspolizei sieht es so: «Bis zum Verdruss haben wir von der Hochschule Padua mehrere Auskünfte verlangt, doch wir konnten nicht feststellen, dass Jozef Rydlo das Stadium eines Lizenziats überschritten hat. Er selbst war nicht im Stande, uns sein Doktorat vorzulegen.» Im «Service des archives et gestion de l’information documentaire» der Universität Lausanne wird auf Anfrage bestätigt, dass die bei ihnen hinterlegte Kopie des Dokumentes aus Padua kein Doktorat, sondern nur ein Lizenziat ist, allerdings ohne Erwähnung der Lizenziatsarbeit.
Diese fehlende Angabe macht den zuständigen Archivar stutzig. Zu Rydlos Professur schreibt er Folgendes: «Ich habe gar keine ‹Spuren› darüber gefunden, obwohl die Dokumentation über die Professoren ganz vollständig ist. In den Assistentenlisten erscheint er auch nicht. Und es scheint nicht einmal, dass er einen Vortrag gehalten hätte.»
Nähe zu Skinheads
Rydlo bedient sich schon früh der Vetternwirtschaft. Sein «Doktorvater» ist der damals in Padua wirkende ultranationalistische Historiker Milan S. Durica, bis heute sein prägender geistiger Vater, ein rühriger Vertreter des slowakischen katholischen Exils, der später ebenfalls in die Slowakei zurückkehrt. Heute lehrt Durica an der Theologischen Fakultät in Bratislava. Durica und Rydlo sind ein Gespann, hier die Theologie, dort die Politik. Letztes Jahr ist Duricas neustes Werk unter dem Titel «Jozef Tiso – 1887–1947, Autobiografisches Profil» erschienen, wo er einmal mehr Tiso zu rehabilitieren versucht und sogar posthume kirchliche Weihen für ihn fordert.
Sein Zögling Rydlo erklärt in der wichtigsten slowakischen Tageszeitung «Sme», Tiso sei der grösste Slowake des 20. Jahrhunderts. Am 14.März 2007, am 68. Jahrestag der Gründung des ersten slowakischen Staates, pilgert Rydlo zu Tisos Grab, wo Skinheads chauvinistische Lieder singen und den Arm zum Nazigruss erheben. Rydlo findet es keine Schande, dabei zu sein, sagt er der englischsprachigen Zeitung «Slovac Spectator», im Gegenteil, es sei eine Schande für all jene, die diesen Gedenktag nicht zu würdigen wüssten.
Stolzer Waadtländer
Rydlo gibt ungeniert persönlich Auskunft zu seinen Titeln. Auf die Anfrage, woher er seinen Professorentitel habe, schreibt er zurück, dieser sei ihm am 19.März 1985 vom Zentrum für slawische Studien «William Ritter» (CES) verliehen worden. William Ritter (1867–1955) war ein der panslawistischen Idee nahe stehender Schweizer Künstler, der auf eine romantische Art slovakophil wurde.
Das Zentrum William Ritter darf man sich allerdings nicht wie ein grosses Gebäude mit Studenten vorstellen. Rydlo hat sich dort dank Ritter selbst zum Professor geschlagen. Er ist nämlich Gründer, Präsident und die meiste Zeit einziges Mitglied des Vereins CES. Laut Eintrag der Waadtländer Kantonspolizei vom 28.Oktober 1985 wurde dieser erst sieben Monate nach der angeblichen Nominierung zum Professor in Rydlos Wohnung gegründet. Rydlo schreibt: «Ich habe mich für jeden meiner Titel abgerackert.» Erst nach erneuter Rückfrage gesteht der Politiker, der im slowakischen Parlament als «Professor» aufgeführt ist: «Ich habe nie behauptet, ein ordentlicher Professor zu sein.»
In seinem altertümlich aufgeblasenen Slowakisch schreibt der eifrige Katholik mehrere E-Mails, die alle mit dem jüdischen Gruss «Shalom» enden. Gemäss der Logik seiner Kreise kann eine Sowakin, die seine Thesen hinterfragt, nur Jüdin sein. Angesprochen darauf, schwärmt er, Shalom klinge wunderbar und bedeute Frieden. Ausserdem zeigt er sich schweizbegeistert. Er bekennt sich «als stolzer Waadtländer» zum waadtländischen Wappen mit «Liberté et Patrie». Die Schweiz sei sein wahres Heimatland, hier habe er die schönsten Jahre verbracht und viel vom Pluralismus in sich aufgenommen. An der Komensky-Universität in Bratislava halte er seit Jahren Vorlesungen über die Schweizer Geschichte, aus purer Heimatliebe, unentgeltlich. Diese renommierte Universität dürfte sich für die Qualifikation ihres «externen Lehrers», wie ihn das Sekretariat der Fakultät für zeitgenössische Geschichte bezeichnet, interessieren.
«Experte von Rang»
Während in der Lausanner Psychiatrischen Universitätsklinik Rydlos Behauptung, er habe mehr als zwanzig Bücher über die slowakische Unabhängigkeit verfasst, als Symptom für Grössenwahn gilt, klingen in der Slowakei, wo seine Exilzeit nicht durchleuchtet wird, die historischen Fälschungen umso glaubwürdiger, da sie aus der Feder eines «Schweizer Universitätsprofessors» kommen. Nicht einmal seine ärgsten Gegner wagen so weit zu gehen und die akademischen Würden in Zweifel zu ziehen. In TV-Debatten wird er als Geschichtsexperte von Rang hofiert. Eine Parlamentarierin, die nicht genannt sein will, klagt: «Rydlo verführt die Jugend zum faschistischen Gedankengut durch seine im Westen erworbene akademische Autorität.»
Daran hat auch ein entlarvender Artikel über den gefälschten Patrioten in der Kaschauer Zeitschrift «Domino efekt» aus dem Jahr 1994 nichts geändert. Sein Verfasser Andrej Hrico rechnet nicht nur mit Rydlo ab, sondern auch mit dem damaligen nationalistischen Premier Vladimir Meciar, der Rydlo finanziell unterstützt haben soll. Hrico, der zu den demokratischen Kräften gehört, bezahlt für die Unerschrockenheit einen hohen Preis: Er wird spitalreif geschlagen, bedroht, und Meciar und seine Anhänger bombardieren ihn dermassen mit Anklagen, dass er ins Exil geht. Die Tageszeitung «Sme» berichtet 1999 von einer Todesliste, auf der auch Hrico steht.
Missbrauchte IV?
Während Michèle Rydlo-Poncik ein Gespräch ablehnt, sagt ihr Sohn Alexandre Rydlo, Nanophysiker an der ETH Lausanne und SP-Lokalpolitiker in Chavannes-près-Renens, dass zwischen ihm und seinem Vater eine strikte Trennungslinie verläuft, seit 1991 habe er keinen Kontakt zu ihm. Er interessiere sich überhaupt nicht dafür, was dieser tut und wie und wo er lebt: «J’ai tourné la page, voilà» – ich habe mit diesem Kapitel abgeschlossen, sagt der junge Mann mit einer klaren Stimme.
Für die Schweizer Fremdenpolizei könnte ein Hinweis vom Nutzen sein, den Alexandre Rydlo bestätigt: dass Jozef Rydlo seine französische Staatsangehörigkeit, die er durch die Heirat mit der Französin Michèle Poncik erworben hatte, bei seinem Einbürgerungsgesuch in den 1970er-Jahren verschwiegen hat. Andernfalls hätte er kein Anrecht auf einen Schweizer Pass gehabt. Diese Erschleichung eines Dokuments könnte rückgängig gemacht werden.
Rydlos Irreführung der Behörden geht offenbar noch weiter: Auf mehrfache Anfrage leugnet er nicht, dass sein Bezug einer Schweizer IV-Rente auch heute weiterlaufe. Zum Vorwurf, wie der Bezug mit einem slowakischen Parlamentariergehalt zu vereinbaren sei, äussert er sich nicht. Die IV selber gibt aus Datenschutzgründen keine Auskunft über ihre Bezüger, das Bundesamt für Sozialversicherungen erklärt aber, man gehe möglichen Missbrauchsfällen, von denen man erfahre, nach.
Der Stock, auf den sich Rydlo demonstrativ beim Gehen stützt, beweist wie von selbst die Berechtigung für eine IV-Rente und kaschiert doch den wahren Grund. Im psychiatrischen Gutachten schreiben die Lausanner Ärzte: «Wir verstehen seine motorischen Symptome (die Unfähigkeit, seinen linken Arm zu beherrschen, einen zögernden Gang u.a.) als Teil seines delirierenden hypochondrischen Systems, das er nötig hat, um eine schwerwiegendere psychotische Dekompensation zu meiden.» Lenkt Rydlo mit einer eingebildeten Erkrankung von seiner Psychose ab?
Im Selbstbild heisst es allerdings so: «Ich habe für die Unabhängigkeit der Slowakei mit meiner Gesundheit bezahlt.» Konfrontiert mit der Diagnose «Schizophrenie», bestreitet er sie vehement, er habe mit der Psychiatrie nie zu tun gehabt, er leide lediglich an einer motorischen Behinderung. Zum Tötungsversuch meint er, jede Scheidung sei unschön, und über Privates lasse er sich nicht aus. Michèle Rydlo-Poncik hat ihren Gatten, den sie während der Ehe schon als «le malade» (der Kranke) bezeichnet, lange erduldet, wie die Gerichtsakten zeigen. Spät erst begehrt sie heftig auf und erstattet eine Anzeige nach der anderen.
Gestohlene Berner Bücher
Vergeblich. Alle Punkte der Waadtländer Anklage gegen Jozef Rydlo werden in den 1990er-Jahren fallen gelassen: Zum Tötungsversuch kommt der unrechtmässige Bezug der IV-Rente zusätzlich zu seinem damaligen slowakischen Gehalt als Bibliotheksangestellter hinzu. Überdies wiederholter Diebstahl aus der Nationalbibliothek in Bern, der zwar bewiesen, aber verjährt ist. Rydlo stiehlt nämlich in den Jahren 1985 und 1986 systematisch nebst Büchern auch wertvolle Originalkompositionen und Handschriften, etwa von Dvorak, Beethoven, Mahler, Le Corbusier, Romain Rolland. Er schmuggelt sie Stück für Stück unter der Kleidung hinaus.
Ein Teil der Beute wird von der Polizei beschlagnahmt und der Nationalbibliothek zurückgegeben. Nachdem der Diebstahl entdeckt worden ist, ordnet Jean-Frédéric Jauslin, der damalige Direktor, eine Reorganisation an, etwa strengere Zutrittsbestimmungen für das Archiv.
Mächtiger Schutz
Auf die Frage nach dem Diebstahl beschuldigt Rydlo tschechoslowakisch orientierte Gruppierungen – im Gegensatz zu den slowakisch-nationalistischen – in der Schweiz, ihn verleumden zu wollen, um ihn politisch zu vernichten. Auch seine Ehe haben sie angeblich kaputtgemacht. Andrej Hrico schreibt in seinem kritischen Artikel von 1994, dass Rydlo die entwendeten Bücher dem nationalistischen Kulturinstitut Matica slovenska geschenkt habe.
Als Hrico dies publik macht, nimmt der damalige slowakische Staatspräsident Michal Kovac Rydlo gefühlvoll in Schutz, was im «Domino efekt» nachzulesen ist: «Da möchte ich religiös ausrufen: Mein Gott, dieser Mensch hat die Bücher in die Slowakei gebracht, hat sie Matica slovenska vermacht, er hatte sie gesammelt, er ist doch Bibliograph, das ist sein Arbeitsinhalt, und er hat sie nicht gestohlen, sie wurden ihm geschenkt!» Rydlo bezeichnet sich als ehemaligen Kulturkonsultanten des Expräsidenten Michal Kovac und schickt einen «Schutzbrief» vom diesem persönlich, wohl um zu zeigen, auf welch mächtige Kreise er zählen kann.
Schaden für die Slowakei
Der «Wohltäter» beschädigt das Ansehen der modernen Slowakei. Seine «slovaqueries» billigt die grosse Mehrheit des Landes keineswegs. Die xenophobe Partei SNS, die nach den Wahlen 2006 zur Regierungspartei aufgestiegen ist, lockt ihre Wähler mit Angst vor virtuellen Feinden zu sich. Da die Tschechen nach der Auflösung der Tschechoslowakei ihre Feindfunktion verloren haben, verlegt sich die SNS auf die Ungarn und reaktiviert sie im nationalen Gedächtnis als Unterdrücker aus der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Mit seiner Äusserung, er werde persönlich Budapest mit Panzern plattwalzen, löst der SNS-Parteivorsitzenden Jan Slota internationale Empörung aus. Jozef M. Rydlo ist nach eigener Aussage stolz darauf, das SNS-Parteiprogramm mitgestaltet zu haben. Seine Karriere wurde auch durch eine nachsichtige Schweizer Justiz geebnet – und wird womöglich bis heute von der Schweizer IV gesponsert.
Erstpublikation: 15. September 2007, Berner Zeitung. Der Artikel von Irena Brezna wurde für den Preis für unabhängigen Journalismus, den Preis für freie JournalistInnen 2008 nominiert.