Jurybegründung für 'Hinter den Bergen'
Siegertext der Kategorie Veröffentlichte Artikel
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Eigentlich ist es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Dominik Gross berichtet in seinem Artikel HINTER DEN BERGEN von einer Alltagsgechichte im Bündner Land, die – wer sie gelesen hat – nicht mehr vergessen wird. Ein paar Sätze genügen und wir sind vor Ort in Valzeina, so als hätten wir dieses von der Welt nie wahrgenommene Dorf schon immer gekannt.
Die Kantonsregierung in Chur hat verfügt, dass hier ein Asylzentrum entsteht. Die Strategie ist klar: die Asylsuchenden sollen, wie in einem Ghetto isoliert werden, ohne Arbeits- und Einkaufsmöglichkeiten. „Durch unattraktive Lebensbedingungen (...) sollen sie zu einem schnellen Verlassen der Schweiz ermuntert werden.“ - heißt es im Jargon der Verantwortlichen. Doch die Einwohner, die man in die Planung nicht einbezogen hat, reagieren, wie es keiner erwartet hätte, mit Zivilcourage.
Sie versuchen die Asylbewerber zu integrieren und plötzlich erwacht auch das Dorfleben wieder. Der Verein MITEINANDER STATT GEGENEINANDER veranstaltet gemeinsame Suppenabende und kulturelle Veranstaltungen im Schulhaus, ein Wirtshaus gibt es schon lange nicht mehr. Einer im Dorf sagt: „ (...) jetzt, wo sie schon mal da sind, glaube ich, dass es für alle besser ist, einen guten Umgang mit ihnen zu finden, anstatt gegen sie zu arbeiten.“ Ein Anderer: „ Wenn das Fremde ein Gesicht bekommt verliert es seinen Schrecken.“
Gross verschweigt die anfänglichen Vorurteile der Einwohner genauso wenig wie die prinzipiell hoffnungslose Lage der Asylbewerber. Aber er zeigt auch, wie die Rückbesinnung auf menschlichen Anstand ein Problem lösen kann, das von außen, über die Köpfe aller Beteiligten hinweg, ins Dorf getragen wurde. Was man anfangs als Ärgernis empfunden hat, wird plötzlich zu einer Chance. Die Einen empfinden das Fremde als bereichernde neue Erfahrung, die Anderen erleben menschliche Wärme und Aufmerksamkeit, obwohl die Behörden ganz anderes im Sinn hatten.
Dominik Gross schildert all dies klar, lebendig, humorvoll und doch ganz nüchtern, ohne zu verklären oder irgendetwas zu beschönigen - als wäre es die normalste Sache der Welt. Und mit einem Mal hat man als Leser wieder Hoffnung, dass es eigentlich nicht nur in diesem kleinen Dorf in Graubünden, sondern überall so sein könnte.
Jörg Bundschuh, München
Jurybegründung für 'Karriereziel Gangsterboss'
Co-Siegertext der Kategorie Unveröffentlichte Artikel und neue
journalistische Formen
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Krimis sind Kult. Vom Film noir, Al Capone zum Paten. Echte Krimis sind nicht glamourös. Der junge Neapolitaner Roberto Saviano schrieb einen wahren Mafiakrimi, der verfilmt wurde: „Gomorra“ lehrt das Fürchten und entlarvt das böse Business der Camorra. Die Mafia hat Vergeltung angedroht, der Autor steht unter Polizeischutz.
Karriereziel Gangsterboss? - „Das Videospiel Grand Theft Auto IV bricht alle Rekorde und gilt als Zukunft der Unterhaltung. Ein Selbstversuch auf der Suche nach dem gewissen Etwas“, untertitelt David Bauer seinen Text und erklärt: Grand Theft ist die amerikanische, juristische Bezeichnung eines Autodiebstahls; im April 2008 wurden in einer Woche 6 Millionen der vierten Version des Videospiels verkauft, über 500 Millionen Dollar verdiente der Hersteller Rockstar Games, was jeden Hollywood-Buster in den Schatten stellt. Der Spiegel sieht in GTA IV die Zukunft der Unterhaltung, die Süddeutsche bezeichnet das Spiel als Sensation.
David Bauer hat sich im Mai 2008 mit dem Videospiel einem Selbstversuch ausgesetzt, um festzustellen, ob der Hype gerechtfertigt ist. Für 24 Stunden in drei Tagen übernahm er die Rolle der Hauptfigur Niko Bellic, schlug sich als Krimineller durch und arbeitete sich in der Gangsterhierarchie von „Liberty City“, sprich New York City, hoch, um zu recherchieren, wie man sich fühlt und wie es sich anfühlt, Gangsterboss zu werden: im Videogame, wie sie über viele Fernseher und Computer laufen - Leute, die das Abenteuer suchen, das sie in ihrem eigenen Umfeld nicht finden können oder wollen.
Karriereziel Gangsterboss? – Das klingt nach anrüchig Verbotenem, Grenzüberschreitendem -
eine geheime, ambivalente Faszination für die dunklen Bereiche des Lebens und der menschlichen Psyche…
Die Erfahrungen, die David Bauer machte, haben ihn selbst überrascht, wie man durch Gewöhnung an Gewalt abstumpft und wie Ungutes langsam normal wird. Wie das virtuelle Erlebnis die Psyche beeinflusst, wird als trügerische Entwicklung mit Neugier und Empathie beschrieben…über die eigene Veränderung schon etwas beunruhigt, fühlte er sich dennoch nach dem Game – 25 Prozent des Spiels absolviert, 127 Autos gestohlen, 182 Menschen getötet, 26'000 Dollar für Waffen ausgegeben - nicht als geborenen Killer. Und dann ist da auch noch eine Frau im Spiel, Michelle, die den Protagonisten Niko Bellic nach 10 Dates endlich 61 Prozent toll findet…
Was junge Menschen gewalttätig werden lässt, ob sie sich nicht zuletzt auch von Videospielen mit Gewaltszenen motivieren lassen, ist brandaktuell. David Bauer hat das Thema subjektiv und authentisch angepackt: Idee und Thematik, die vom Medienjournalisten gewählte Perspektive und ein Sprachstil leichtfüssig-ironischer Reflektionen haben die Jury bewogen, diesen Text für den ersten Preis der noch unveröffentlichten Arbeiten zusammen mit der Arbeit „Fliessendes Land" von Angelika Overath zu nominieren. Wir gratulieren David Bauer zum ersten Medienpreis für unabhängigen Journalismus!
Ingrid Isermann, Zürich
Jurymitglied, Mitinitiantin Medienpreis für freischaffende JournalistInnen
Jurybegründung für 'Fliessendes Land'
Co-Siegertext der Kategorie Unveröffentlichte Artikel und neue journalistische Formen
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Wenn Sie sich, verehrtes Publikum, auch für die hinteren Seiten der Zeitungen interessieren, wenn sie weiterblättern, ab und an, bis ins Feuilleton - oder womöglich direkt dort aufschlagen - dann sind sie ihrem Namen bereits begegnet. Angelika Overath schreibt auffallend schön und klug u.a. für das Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung, und das in Kontinuität. Manchmal sind ihre Texte auch eine lyrische Mischform zwischen Journalismus und Literatur: ein literarischer Journalismus.
Vielleicht, verehrtes Publikum, kennen Sie auch ihre Abgründe. Also die Porträtrubrik "Abgründe" in der NZZamSonntag, welche die freie Journalistin betreut. Angelika Overath verfasst die Suchbilder bekannter Persönlichkeiten natürlich mit einer Lust an der List, in klarer und immer gewählter Sprache, sie kennt und eröffnet neue Zugänge, formale wie inhaltliche, zu den Personen, die sie beschreibt. Und sie schreibt mit Feingefühl und einem Feingespür für die Sprünge in einer Biographie. Es sind kleine, feine Texte, die den Lesenden womöglich ab und zu und sonntags helfen, Sprünge im eigenen Spiegelbild oder sich auftuenden: Abgründe im Leben zu verstehen. Ihre Rezensionen, Porträts und Essays sind von einer positiven Lebenskraft getragen. Und das ist selten.
"Fliessendes Land" heisst der Text von Angelika Overath, der heute in der Kategorie "unveröffentlichte Texte und neue journalistische Formen" zusammen mit einer Arbeit von David Bauer ausgezeichnet wird. Fliessendes Land ist ein auf den ersten Blick ganz alltäglicher Reisebericht. Ein Bericht über eine Erholungsreise der Reporterin an die holländische Küste, welche sie mit der älteren Tochter und dem kleinen Sohn unternimmt. "Nach Würmern graben" wollen sie, einfach nur die Ruhe und die Landschaft geniessen, in deren Horizont "viereckige Schafe" stehen. Eine Reise, die "einfach nur schön sein soll", wie es zum Auftakt des Textes im ersten Satz steht.
Wieso aber: "einfach nur schön"? Das wird im Text nicht gesagt. Um was es wirklicht geht, darüber verliert die Reporterin bis zum Schluss kein Wort. Der Hintergrund der Reise entsteht zwischen den Zeilen. Der Text funktioniert wie eine Foto-Negativ. Das, was nicht gesagt wird, das nicht in Worte gefasst wird oder: nicht in Worte gefasst werden kann, darum gehts. Um die durch das Verschweigen ausgelöste Stimmung, die in den Lesenden selbst vielleicht Erinnerungen hervorrufen kann. An etwas, das einem selbst einmal aus der Bahn, aus dem Alltag warf. Schreiben, etwas Beschreiben, indem man nur das Drumherum beschreibt, eine Kontur entstehen lässt. Aussage durch Auslassung. Das ist in diesem Text nicht nur ein Kniff. Er hat hier auch eine inhaltliche Dimension.
Mit dem gewählten Thema und der Form macht sie sich als Reporterin auch verletztlich, angreifbar, gerade in einer Zeit der Zeitung, die Konformismus nicht selten vor schreiberischem Risiko setzt, weil Konformismus gerne als Sicherheit verstanden wird. "Seltenheit vor Sicherheit" ist das Credo der Jury, die "Fliessendes Land" von Angelika Overath zusammen mit einer Arbeit von David Bauer mit dem ersten Peis für freien Journalismus in der Kategorie "Unveröffentlichte Texte und neue journalistische Formen" auszeichnet. Ihr Text wagt den Schritt übers Wort hinaus - er ist eine Grenzform, formal und inhaltlich, in dem die Journalistin Sprachlosigkeit durch das Wort, aber ohne Worte zu Protokoll bringt.
Anita Hugi, Präsidentin FBZ, Mitinitiantin des Medienpreises für Freie JournalistInnen


