In jedem von uns schlummert ein Genie

Das Gehirn ist eine riesige Datenbank, doch wir können nur auf einen Bruchteil zugreifen. Forscher arbeiten an Möglichkeiten, um die Gehirnbarriere zu überwinden.
Von Viviane Bühr

Orlando Serrell aus Virginia war zehn, als er beim Spielen von einem Baseball am Kopf getroffen wurde. Seither kann er sich an jedes Detail von allen Tagen seines Lebens erinnern. An das Datum, den Wochentag, das Wetter, was es zu essen gab, was im Fernsehen lief und welche Farbe die Socken seiner Schwester hatten. Orlando, inzwischen über 40, geht es blendend – und das Archiv in seinem Kopf ist überwältigend.
Orlando wurde über Nacht zum Genie. Doch es ist nicht sein IQ, der ganz plötzlich in die Höhe geklettert war. Hirnforscher haben eine ganz andere Erklärung für sein ungewöhnliches Talent: durch den Schlag erlangte Orlando einen verbesserten Zugang zu seiner rechten Hirnhälfte – und damit zu allen gespeicherten Ereignissen in seinem Leben. Die ursprünglich vorhandene Hirnbarriere wurde durch den Baseball buchstäblich weggeschlagen.
Wenn Orlando plötzlich über solches Talent verfügt, schlummert vielleicht in jedem von uns eine aussergewöhnliche Begabung? Tragen wir ein Superhirn herum, das wir nur leider nicht nutzen können? Führende Hirnforscher auf dem Gebiet der Inselbegabungen – wie die Ausbildung solch ungewöhnlicher Talente genannt wird – haben daran längst keine Zweifel mehr. Meist handelt es sich bei den Talentierten um unterdurchschnittlich intelligente Personen, und etwa die Hälfte von ihnen sind Autisten (siehe Kasten). Während man früher davon ausging, dass Inselbegabungen ein genetischer Zufall sind, ist heute bekannt, dass gerade die Unterentwicklung der linken Gehirnhälfte bei Autisten für die Ausbildung der ausserordentlichen Talente verantwortlich ist. Sie führt nämlich zu einer vermehrten Nutzung der rechten Hirnhälfte, in welcher künstlerische Begabungen hauptsächlich angesiedelt sind.
Auch bei anderen neurologischen Unfällen oder Krankheiten wie beispielsweise der Demenz wird oft die Ausbildung von malerischen oder musischen Talenten beobachtet. Bruce Miller, Neurologe an der Kalifornischen Universität in San Francisco, untersuchte seine talentiertesten dementen Patienten und stellte auch hier eine Schädigung der linken Hirnhälfte fest. Da sich hier das Sprachzentrum befindet, verloren seine Patienten nach und nach die Fähigkeit zu sprechen, lesen und schreiben. Jedoch wurde der Verlust scheinbar mit der rechte Hirnhälfte kompensiert. „Meine Patienten können die Objekte oft nicht mehr benennen, sie aber wunderschön zeichnen“, sagt Miller.

Doch muss man für den Zugang zum Superhirn erst einen Hirnschaden erleiden? Der amerikanische Psychiater Darold Treffert verneint diese Frage. Er beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit dem Phänomen der Inselbegabung und war Berater des Films „Rainman“, der von einem Autisten mit erstaunlichen Fähigkeiten handelt. Er ist überzeugt, dass in jedem von uns ein kleiner Rainman steckt. „Talent ist wahrscheinlich über alle Menschen gleichförmig verteilt. Meist können wir jedoch nicht darauf zugreifen.“ Momentan arbeitet er an seinem zweiten Buch, welches diese Theorie stützt. „Ich kenne eine ganze Reihe von Leuten, bei denen Inselbegabungen ganz plötzlich aufgetreten sind, einfach so“, sagt Treffert. Von einem jungen Mann aus Israel hat er folgende E-Mail erhalten: „Ich sass an einem Klavier in einem Weinlokal eines Freundes und klimperte so auf den Tasten herum. Ich verstand nur wenig von Musik – doch plötzlich machte alles Sinn, und das Spielen wurde mit einem Schlag ganz einfach. Ich spielte sämtliche Lieder fehlerfrei, die ich nur vom Hören kannte. Die Leute um mich herum waren genauso erstaunt wie ich selbst.“

Treffert vermutet, dass eine Veränderung in der rechten Hirnhälfte stattgefunden hat. Zum Messen solcher Veränderungen sei die Hirnforschung aber noch zu wenig entwickelt. Er erklärt, dass die rechte Hirnhälfte in der Gesellschaft generell vernachlässigt werde, da analytische Fähigkeiten und das Sprachzentrum der linken Hirnhälfte einen höheren Stellenwert haben. Die linke Hirnhälfte vergleicht neue Informationen blitzschnell mit gespeichertem Material, und erst das Ergebnis dieser Analyse tritt ins Bewusstsein. Gewissermassen schlägt uns die linke Hirnhälfte mit ihrem konzeptionellen Denken ein Schnippchen und präsentiert uns die Welt so, wie wir sie kennen und sehen möchten, und nicht unbedingt so, wie sie wirklich ist. „Mit der linken Hirnhälfte erkennen wir den Wald, mit der rechten Hirnhälfte würden wir nur die Bäume sehen“, erklärt Treffert den Unterschied.

Den Kampf der beiden Hirnhälften am eigenen Leib erfahren hat die Amerikanerin Jill Bolte Taylor, selbst Gehirnforscherin. Sie erlitt einen Hirnschlag und realisierte, wie ihre linke Hirnhälfte innert Minuten kollabierte. Sie verlor die Sprache und ihre analytischen Fähigkeiten, aber sie hatte plötzlich eine andere Wahrnehmung und fühlte sich glücklich. Gemäss ihren Angaben befand sie sich in einem Nirvana-ähnlichen Zustand – ihre rechte Hirnhälfte hatte die Kontrolle über das Bewusstsein übernommen. Taylor benötigte acht Jahre, um sich vollständig zu erholen. Sie nutzt heute die Vorteile der rechten Hirnhälfte ganz bewusst.

Allan Snyder, Neurologe der Universität Sydney, hat verschiedene Studien zur Überwindung der Gehirnbarriere durchgeführt. Mittels Magnetstimulation unterbricht er Ströme in Regionen der linken Hirnhälfte und legt sie kurzzeitig lahm. Durch die verstärkte Nutzung der rechten Hirnhälfte sollen Fähigkeiten wie Zeichnen, Korrekturlesen oder das visuelle Auffassungsvermögen verbessert werden, so seine Hypothese. Einige Versuchspersonen steigerten sich merklich, jedoch nicht alle. Snyder ist fasziniert von diesem Effekt und arbeitet an weiteren Studien. „Was, wenn wir das Gehirn kurzzeitig von allen gespeicherten Informationen befreien und vorurteilsfrei denken könnten? Es würde uns zu einer besseren Gesellschaft machen.“

Skeptiker von Snyders Theorie behaupten, dass lediglich die intensive Übung zur Ausbildung von Talenten führe. Diese Annahme würde jedoch keine Erklärung für Orlandos Fall liefern, und auch nicht für die autistische Nadia, welche im zarten Alter von drei Jahren naturgetreu Pferde zeichnen konnte, als sie zum ersten Mal einen Stift in der Hand hielt. Interessanterweise verlor Nadia einen Teil ihres Talents, als sie mit zwölf Jahren sprechen lernte – vermutlich hatte die Entwicklung der linken Hirnhälfte, wo sich das Sprachzentrum befindet, eine Hemmung der rechten Hirnhälfte zur Folge.

„Unsere Sprache und unsere analytischen Fähigkeiten verwehren uns den Zugriff zu aussergewöhnlichen Talenten“, sagt Treffert. „Wir sehen nur unsere eigenen Schlussfolgerungen, nicht aber die Rohdaten, aus denen wir die Schlüsse ziehen.“ Jedoch hält Treffert den Zugang zur rechten Hirnhälfte als erlernbar, zum Beispiel durch Meditation. Snyder könnte sich auch Videospiele vorstellen, die die wenig genutzten Hirnareale aktivieren. Andere Experten schlagen die Magnetstimulation als Vorbereitung der Studenten auf eine Prüfung vor. Einig sind sich die Hirnforscher darin: heute ist soviel über das Gehirn bekannt wie etwa vor hundert Jahren über den Körper – also nur sehr wenig. Obwohl jedes Jahr mehr als 10'000 Studien im Bereich der Hirnforschung eingereicht werden, können selbst grundlegende Fragen noch nicht beantwortet werden.

Was sind Savants?

Savants (Gelehrte) sind Menschen mit einem aussergewöhnlichen Talent in einem begrenzten Teilbereich. Die „Inselbegabung“ ist entweder angeboren, oder sie kommt durch eine Hirnschädigung zustande. Savants haben meist einen unterdurchschnittlichen IQ, rund die Hälfte von ihnen ist autistisch. Bis heute werden nur etwa hundert Savants gezählt.
Zu den bekanntesten lebenden Savants gehört Kim Peek, welcher eine Buchseite in 8 Sekunden überfliegt und den Inhalt speichert. Bereits 9000 Bücher sind so auf seiner mentalen Festplatte. Sein Spitzname: Kim-puter. Kim galt als Kind als geistig schwer behindert - bis er mit vier Jahren die Lexikonbände im heimischen Wohnzimmer auswendig wusste. Auch mit über 50 kann der Mega-Savant, wie ihn die Wissenschaftswelt bewundernd nennt, nicht allein für sich sorgen. Kim lieferte die Inspiration für den Film „Rainman“ mit Dustin Hoffmann in der Hauptrolle.
Stephen Wiltshire, auch „menschliche Kamera“ genannt, verfügt über ausserordentliches Zeichentalent. Nach einem 45-minütigen Helikopterflug über Rom zeichnete der Autist die ganze Stadt auf fünf Meter Leinwand detailgetreu innerhalb von zwei Tagen aus dem Gedächtnis nach. Oft war sogar die Anzahl der Fenster von einzelnen Gebäuden korrekt.

Hinweis: Dieser Artikel von Viviane Bühr wurde in der Kategorie "Unveröffentlichte Arbeiten und neue journalistische Formen" für den Preis für unabhängigen Journalismus 2008 nominiert. Bitte beachten Sie das Copyright.